Mittwoch, der 8. September 2010
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Pfr. Alex Nussbaumer (evangelisch)
über: kein konkreter bibl. Bezug

Uster (Kanton Zόrich / Schweiz), am 05.02.2009
Sonstige Ansprache

Gesamthauskreistreffen

Der Begriff

Zweifel ist das Schwanken zwischen gegensätzlichen Annahmen (Matthäus 14, 31: sinkender Petrus). Wer zweifelt, liegt mit sich selber im Streit, trägt Bedenken, zaudert. Das Herz des Zweiflers ist geteiltes.

Der Gegensatz von "Zwei-fel" ist "Ein-falt", bzw. das Nichtzweifeln (Hebräer 11, 1) oder einfach der Glauben.


Zweifel in der Bibel

Biblische Beispiele gibt es zuhauf,
es wird viel gezweifelt, bisweilen bis verzweifelt:

- Jeremia 12, 1 und 15, 10
- Hiob 3, 1 – 3 + 11 – 13 + 25 + 26
- Jünger: Matthäus 28, 16 – 20
- Johannes 20, 24 – 29

Wir werden in der Bibel selbstverständlich zum Gottvertrauen eingeladen und vor dem Zweifel gewarnt:

"Der Tor spricht in seinem Herzen: Es ist kein Gott." (Psalm 14, 1)

"Bittet aber im Glauben, ohne zu zweifeln, denn wer zweifelt, gleicht den Wogen des Meeres, die vom Wind gepeitscht und dahin und dorthin geschlagen werden." (Jakobus 1, 6)


Abraham

Er gilt als "Vater aller Glaubenden":

"Abra(ha)m glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm als Gerechtigkeit an." (1. Mose 15, 6)

Paulus nimmt dies in Römer 4 wieder auf, um zu zeigen, was Glauben ist und dass Glauben weit über das Gesetz und die menschliche Eigenleistung hinausgeht.

Wie oft aber sehen wir den Abraham zweifeln! Warum zeugt er mit der Hagar den Ismael? Weil er an Gottes Verheißung zweifelt, der ihm und der Sarah einen Nachkommen versprochen hat. Warum gibt er seine (sehr schöne) Frau Sarah als seine Schwester aus? Weil er an der Zuverlässigkeit und dem Schutz Gottes zweifelt.


Zwei geschichtliche Beispiele:

(1) René Descartes (1596 – 1650)

"Dubito, cogito, ergo sum" ist der erste gewisse Grundsatz des Philosophen René Descartes', den er 1641nach radikalen Zweifeln an der eigenen Erkenntnisfähigkeit als nicht weiter kritisierbares Fundament (Axiom) formuliert und methodisch begründet: "Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln." Von diesem Fundament aus rekonstruiert Descartes dann wieder die vormals angezweifelte Erkenntnisfähigkeit.

(2) Blaise Pascal (1623 – 1662)

"Man muss zu zweifeln verstehen, wo es notwendig ist und sich Gewissheit verschaffen, wo es notwendig ist. Wer nicht so handelt, missachtet die Kraft des Verstandes. Es gibt Menschen ... die behaupten, alles sein beweisbar, weil sie nichts von Beweisen verstehen.
(Es gibt auch Menschen, die) alles bezweifeln, weil sie nicht wissen, wo man sich unterwerfen muss.
(Und es gibt schließlich Menschen, die) sich in allen Fällen unterwerfen, weil sie nicht wissen, wo man urteilen muss."

Das Zweifeln ist eine Fähigkeit der menschlichen Vernunft. In den Wissenschaften und in der Forschung hat der Zweifel eine wichtige und fruchtbare Funktion.


Dazu ein Beispiel:

"Warum fällt ein Stein zu Boden?
Warum steigt Rauch auf?"

Antike Philosophen formulierten das schöne Prinzip: "Jedes Ding strebt an seinen Ort." Der Ort des Steins ist der Boden, der Ort des Rauchs ist der Himmel, also streben die beiden zum Boden, bzw. zum Himmel.

Diese Erklärung galt jahrhundertelang als sakrosankt. Erst das Anzweifeln dieses Gedankens machte es möglich, das heute anerkannte Gesetz zu finden: Die Schwerkraft, bzw. das Auftriebsgesetz.

Zweifel heute:

Das Zweifeln ist auch in unserem Alltag nötig. Es ist wirklich unglaublich, wie viele Behauptungen und Meinungen kursieren. Was z.B. vor Abstimmungen oft herum geboten wird, hält einer objektiven Prüfung nicht stand. Da ist der Zweifel eine notwendige Funktion des gesunden Menschenverstandes.

Das gilt auch in religiöser Hinsicht. Was da an Meinungen über Gott und die Bibel herum geboten werden! Da ist zweifelndes Hinterfragen angebracht.

Es gibt den pubertären Zweifel. Die Positionen der Eltern werden in Frage gestellt. Das ist ein notwendiger Schritt zum Erwachsenwerden, zum Finden eigenständiger Positionen.

Es gibt intellektuelle Zweifel, z.B. die Schöpfung aus dem Nichts. Das übersteigt unseren Horizont, es ist weder fass- noch beweisbar.

Dann gibt es Zweifel, deren Ursprung nicht im Verstand, sondern im Bauch liegen, z.B. die Zweifel am "Wort vom Kreuz". Der Mensch ist gezwungen, seinen Stolz aufzugeben und zuzugeben, dass er erlösungsbedürftig ist und dazu erst noch nichts aus eigener Leistung beitragen kann. So froh diese Frohe Botschaft auch sein mag, sie ist primär einmal ein Angriff auf unser Selbstbild ("Ich bin schon recht!").

Es gibt Zweifel, die aus einem unbiblischen Gottesbild erwachsen. Der Zweifel an den Wundern entsteht, wenn wir uns Gott zu klein vorstellen. Gott als der Erschaffer der Naturgesetze ist diesen selbst nicht unterworfen. Wenn er es wäre, so gäbe es ja etwas, das ihm übergeordnet wäre. Hierhin gehört auch der Bericht von der Auferstehung Jesu. Dieser steht unserer Erfahrung entgegen, dass Tote nicht wieder lebendig werden. Wieso aber soll Gott, der die ganze Erde gemacht hat, die ja am Anfang auch tot war, seinem eigenen Sohn nicht ein neues Leben schenken können.

Es gibt Zweifel, die bestimmte psychische Konstellationen als Wurzel haben. Das Nicht-vertrauen-Können kann biographisch bedingt sein. Wer als Kind andauern schlechte Erfahrungen machen musste, dem fällt es schwer, wem auch immer zu vertrauen.

Zweifel können auch eine willkommene Ausrede sein. Es kann ein willkommenes Mittel sein, sich um eine Entscheidung zu drücken oder die Flucht vor Gott und sich selber zu rechtfertigen. Der Wille hat den Weg Gottes verlassen, der Verstand kaschiert das mit Zweifeln.

Man kann den Zweifel auch zum Dogma erheben. Dann muss der Mensch zweifeln und jeder, der es nicht tut, ist verdächtig.

Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781) sagte es so:

"Wenn ich vor Gott stünde und er hielte in der rechten Hand alle Erkenntnis der Welt und in der linken Hand das ewige Suchen und er spräche zu mir: 'Wähle!', ich fiele demütig in seine Linke und spräche: 'Gib! Denn die Erkenntnis der Wahrheit ist dir allein vorbehalten.'"

Das tönt wunderschön bescheiden. Hier wird das ewige Suchen-Müssen-und-nicht-finden-Dürfen zum Prinzip erhoben. Man darf immerdar suchen, aber nie finden.

Das wir in konkreten Lebensfragen immer wieder vor offenen Fragen stehen, ist klar. Dass wir aber ganz grundsätzlich immer auf der Suche bleiben müssen, das ist eine religiöse Überzeugung. Und diese widerspricht der Aussage Jesu, der von sich sagt, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben. Die Wahrheit, die Jesus uns anbietet, ist nicht eine philosophisch-intellektuelle Wissens-Wahrheit, sondern eine persönliche Begegnungswahrheit. Die persönliche Beziehung zu Jesus Christus als dem Erlöser und Herrn des Lebens, das ist die Lebenswahrheit.

Ich bin schon auf entgeisterte Reaktionen gestoßen mit dem Bekenntnis, dass ich im ganz grundsätzlichen Sinn nicht mehr suche, sondern in Jesus die Wahrheit gefunden habe. Diese Leute haben obiges Axiom verinnerlicht.

Im Grunde ist das ewige Zweifeln ein unmöglicher und auch unmenschlicher Ansatz. Das gilt schon in viel einfacheren Zusammenhängen als beim Glauben. Wenn ich immer zweifle und mich nie wirklich entscheiden kann, dann kann ich nicht einmal in die Ferien fahren, dann dazu muss ich mich für eine Destination entscheiden.

Es gibt den verständlichen Zweifel der Anfechtung (z.B. Lukas 24, 11). Niemand ist vor Zweifeln gefeit. Je nach den Widerfahrnissen des Lebens kann man durchaus ins Schleudern geraten.

Die Zweifel können unterschiedlich aussehen und unterschiedlich tief gehen:

- Zweifel an sich selber und an der Richtigkeit der eigenen Entscheidungen.
- Zweifel an der Treue Gottes. Ist Gott gerecht (Theodizeefrage)?

- Zweifel an der Existenz Gottes. Plötzlich ist der Himmel leer. Die Gebete stoßen an die Decke und kommen leer zurück.

Ich verstehe jeden, der angesichts der Weltlage und allfälliger Schicksalsschläge in Anfechtung gerät.

Zweifel an der Existenz Gottes kenne ich seit 40 Jahren nicht mehr. Aber Zeiten der Gottesdunkelheit habe ich durchaus erlebt. Es gab eine Zeit, in der ich nur noch den Psalm 13 beten konnte.

Der dunkelste Psalm überhaupt ist der 88. Dort ist gar kein Licht mehr drin. Das einzige, was dem Beter in seinem depressiven Loch bleibt ist, vor Gott stehen zu bleiben.

Auch hier ist wichtig: Nicht den Zweifel erstarren lassen oder zum Prinzip erheben, sondern ihn als zwar schmerzlichen, aber dynamischen und fließenden Prozess durchleben.

Mit zunehmender Reife als Christ, als Christin, werden einen solche Phasen nicht grundsätzlich erschüttern. Die Erfahrung ähnlicher so gelagerter Lebensabschnitte kann hilfreich sein. So ist eine letzte Geborgenheit auch in Phasen der Verunsicherung und des Zweifels möglich.

Der Beistand von Glaubensgeschwistern in einer solchen Zeit kann sehr hilfreich sein. Aus dem Schluss des Judasbriefes:

"Der alleinige Gott ist durch den Herrn Jesus Christus unser Retter. Ihm gehört alle Ehre und Macht in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in alle Ewigkeit. Erbarmt euch derer, die zweifeln! Er vermag euch vor dem Fall zu bewahren. Er kann euch vor seine Herrlichkeit hinstellen als Makellose und vor Freude Jubelnde!" (Judas 22 + 24 + 25)

© Alex Nussbaumer 2009
http://www.uster.ref.ch

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