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P. i. R. Dr. Albrecht Weber (evangelisch)
über:
Jesaja 40, 0Jerusalem (Israel), am 10.09.2009 (Erlöserkirche) Sonstige Ansprache |
Bibeltexte:
Jesaja 40 – 55
Nach der Teilung Israels in einen Nord- und einen Südstaat im Jahr 926 v. Chr. war der Nordstaat infolge der Verfehlungen des Volkes und göttlicher Gerichte durch Eroberung seitens der Assyrer 722 v. Chr. an sein Ende gekommen. Das Geschick der Nordstämme verliert sich im geschichtlichen Dunkel.
Der kleiner Südstaat Juda wurde ebenfalls aufgrund von Verfehlungen und göttlichen Gerichtes im Jahr 597 durch babylonische Truppen eingenommen. Nach einem Aufstand gegen die Babylonier wurde Jerusalem im Januar 588 von den feindlichen Truppen belagert und etwa im August 587 erobert. Der Tempel Salomos wurde zerstört, und die Führungsschicht des Volkes wurde ins Zweistromland von Euphrat und Tigris, also nach Babylon (heute Irak), ins Exil geführt.
Die Kapitel Jesaja 40 - 55 beschreiben eine Befreiung nach einer dunklen Zeit für den Reststaat Juda. Hinter diesen Kapiteln steht nicht der um 700 v. Chr. lebende Jesaja, sondern nach einhelliger Meinung der Experten ein anonymer Prophet, der entweder im besetzten Südkönigtum Juda oder im babylonischen Exil aufgetreten ist.
In der Tat hat der Perserkönig Kyros, der die Babylonier schlug, im Jahr 538 in einem Edikt den nach Babylon verbannten Juden erlaubt, in ihre Heimat zurückzukehren und auch den Tempel wieder aufzubauen. Das ist später auch geschehen.
So predigt der für uns namenlose Prophet, dessen Botschaft der des bekannten Propheten Jesaja einfach hinzugefügt wurde, ein von Gott gesetztes Ende des Gerichtes sowie Trost, Heil und unter dem Namen "KNECHT GOTTES" eine ganz besondere Gestalt, die nicht nur für Israel, sondern für alle Welt eine besondere Rolle spielen werde.
Der Psalm 137 fasst die traurige Lage der im fernen babylonischen, über 1000 km entfernten Exil der Juden mit bewegenden Worten so zusammen (nach der Übersetzung Martin Bubers):
"An den Stromarmen Babylons, dort saßen wir und weinten,
da wir Zions gedachten. An die Pappeln mitten darin hingen wir unsre Laiern.
Denn dort forderten unsere Fänger Sangesworte von uns, unsre Folterer ein Freudenlied:
'Singt uns was vom Zionsgesang!'
Wie sängen wir SEINEN Gesang auf dem Boden der Fremde!
Vergesse ich, Jerusalem, dein,
meine Rechte vergesse den Griff!
Meine Zunge hafte am Gaum, gedenke ich dein nicht mehr, erhebe ich Jerusalem nicht übers Haupt meiner Freude."
Nun verkündet der zweite Jesaja (Kapitel 40 - 55), dass Gott nach beendetem Gericht den Juden ihre Missetat vergeben hat, dass ER sein Volk trösten wolle, dass seine Knechtschaft beendet werde und dass Gott eine Prachtstraße durch die Wüste von Babylon nach Palästina bauen werde, auf der die Exilanten nach Hause ziehen dürfen (Jesaja 40, 1 - 5).
Auf die Prachtstraße durch die Wüste wartet Israel noch heute. Aber der Knecht, den der Prophet angekündigt hat (Jesaja 42, 1 - 9; 49, 1 - 6; 50, 4 - 11; 52, 13 - 53, 12), ist nach Meinung der Kirche in Gestalt des Jesus von Nazareth gekommen.
Mögen die ins Exil geführten Juden und ihre Familien auch auf dem Weg gegangen sein, den einst Abraham an Gottes Hand und auf Weisung Gottes gegangen war, von einer Prachtstraße ist in der Geschichte noch nichts berichtet worden.
An diesem Beispiel sehen wir, wie wir göttliche Prophetie sehen müssen. Sie ähnelt einem Panorama von vielen Bergen, die für uns aus der Ferne alle gleich nah oder gleich fern erscheinen und uns wie auf einer Perlenschnur nebeneinander aufgereiht vorkommen. Erst wenn man sich die Berge von nahem ansieht, merkt man, dass sie durchaus hintereinander liegen können und eine geraume Entfernung voneinander einnehmen können.
Ähnlich verhält es sich mit der göttlichen Prophetie. Die von den Propheten für die Zukunft verkündigten Ereignisse scheinen alle gleichzeitig nah zu sein, aber bei näherem Hinsehen gibt es bei ihnen große zeitliche Verschiebungen der einen vor den anderen.
Warum sollte also nicht der von vielen Propheten verkündete Messias, der der Welt umfassend Gerechtigkeit und Frieden bringen wird, derselbe sein, der in einem ersten Stadium seines Auftretens wie ein unscheinbarer "Knecht Gottes" auftritt?
Hätten die Juden bei ihrem bewundernswert intensiven Studium des göttlichen Wortes diese Möglichkeit je ernsthaft erwogen, wäre ihre Ablehnung Jesu als des Messias nicht so fast einhellig erfolgt!
Was nun sagt der unbekannte Prophet über diesen Knecht Gottes?
JESAJA 42, 1 - 9
Der Knecht ist ein von Gott besonders Erwählter, mit seinem Geist besonders und bleibend Begabter, der die göttliche Rechtsordnung der ganzen Welt bringen wird. Er geht nicht marktschreierisch vor, ist also kein Demagoge, hat vielmehr den einzelnen vor Augen, besonders solche einzelne, die angeschlagen sind wie angebrochene Rohre. Andere Bauherren würden solche Rohre als für die Stabilität ihrer Häuser ungeeignet ansehen und entsorgen. Aber diesem Knecht sind diese angeschlagen Typen nicht zu schwach und unbedeutend!
Dieser Knecht sieht auch da noch Licht, wo nur noch ein kleiner Funke einer ehemals lodernden Flamme glimmt. Wir denken an Menschen, die das Licht ihres Glaubens fast verloren haben und von den Rechtgläubigen als unwissend, religiös unbegabt und unfähig angesehen und abgetan werden. Nicht so dieser Knecht. Er sieht auch noch in dem wenigen, was ein Mensch an Gottvertrauen aufbringt, klein wie ein Senfkorn (Matthäus 17, 20), etwas Wertvolles und facht dies glimmende Licht zu einer neuen Flamme an lebendigem Glaube, brennender Liebe und sehnsuchtsvoller Hoffnung neu an!
Gott nennt diesen Knecht die Personifizierung seines Bundes mit Israel und das Licht für alle Völker (Jesaja 42, 6). Er soll Menschen, die für Gott blind waren, für ihn sehend machen und solche, die im Kerker sind, herausführen.
Braucht nicht Israel, das wir gerade besuchen, solche Befreiung von der Bedrohung durch seine Feinde? Brauchen nicht die Palästinenser, die sich in einer unglücklichen Lage durch Korruption mancher ihrer Verantwortlichen und Abhängigkeit von Staaten wie Syrien und Iran befinden, Befreiung, um zu sich selbst, zu einem Leben mit gleichen Chancen, wie sie Juden haben, zu kommen und in Frieden leben zu können?
Brauchen nicht auch die Namenschristen bei uns in Europa Befreiung aus ihrer Gleichgültigkeit?
Nun will Gott die Befreiung durch einen dienenden Knecht ausüben, nicht durch einen Machthaber, der nur die Sprache der Gewalt und der brutalen Vernichtung versteht.
Merken wir, wie Gott dabei ist, eine neue Weltordnung aufzurichten? Hat die Welt nicht genügend Gewalt gesehen, die zu nichts anderem führte als zu Hass und Gegengewalt?
Nicht weitere Attentate, Raketen, Atomwaffen und neue Kriege, sondern Gottvertrauen mit der Bereitschaft, auch dem Konkurrenten eine faire Chance zu geben, das wäre der göttliche Weg aus der Sackgasse. Denn so verkündet der unbekannte Prophet nach einer dunklen Zeit als Ausweg aus der Not:
Der unermessliche Gott gibt dem Müden Kraft und Stärke dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt und Jünglinge straucheln und fallen, aber die auf den Herren harren, also vertrauend intensiv und geduldig warten, "kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden" (Jesaja 40, 29 - 31).
Abraham, Elia… Juden, wir Christen, Muslime. Hält Gott nicht für uns alle Wege des Glaubens bereit, Wege der Befreiung aus vielen selbst gewählten und selbstverschuldeten Gefängnissen?
JESAJA 49, 1 - 6
Der Knecht vertritt Israel, steht Israel jedoch zugleich gegenüber mit der Aufgabe, die Zerstreuten Israels zurückzubringen.
Gott widerspricht dem gelegentlichen Eindruck des Knechtes, dass sein ganzes Wirken umsonst ist. Dieser Eindruck täuscht, weil nicht seine Hörer das letzte Wort haben, sondern Gott selbst. ER SELBST wird zu geraumer Zeit den Knecht zu Ehren bringen!
JESAJA 50, 4 - 11
Der Knecht wird wie ein Seelsorger beschrieben, der jeden Morgen neu auf Gott hört: "Gott hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören." (EG 452)
Der Knecht muss bei der Ausübung seines Auftrages Schweres erdulden. Keineswegs erntet er allgemeinen Beifall:
"Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen und meine Wangen, die mich rauften. Mein Angesicht barg ich nicht vor Schmach und Schande!" (Jesaja 50, 4 - 6)
Wie in den zuvor skizzierten Prophetien sehen wir endlich in der Gestalt des Knechts Gottes gemäß JESAJA 52, 13 - 53, 12 ganz unverkennbar die Gestalt Jesu. Die wahrscheinliche historische Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde und auferstanden ist, liegt nur einen Steinwurf von der Kirche entfernt, in der wir gerade Gottesdienst feiern. Darum ist es angemessen, genau hier den von Ewigkeit her von Gott gefassten Plan (1. Petrus 1, 18 - 20) zu bedenken, durch das Opfer des Knechtes die Welt zu erlösen.
Folgende Züge fallen in dem Prophetenwort auf, die in der Passion und Auferstehung Jesu erfüllt wurden:
DER KNECHT ist
- unansehnlich und verachtet (Jesaja 53, 3);
- ausgestoßen (Jesaja 53, 3); (Ausgrabungen unter der Erlöserkirche haben Schutt zutage gefördert, den man jenseits der Stadtmauern deponierte): Ein angeblicher Verbrecher war es nicht wert, in der Heiligen Stadt beerdigt zu werden, aber doch in der Nähe einer Müllhalde;
- unschuldig wie ein Lamm (Jesaja 53, 7), das nichts verbrochen hat und doch geschlachtet wird (Jesaja 53, 9);
- einer, auf den Gott alle unsere Sünde warf, um sie kraft seines Opfers aus Liebe zu beseitigen (Jesaja 53, 4 – 6 + 8 + 10 + 12);
- litt willig (Jesaja 53, 7), war also nicht willenloses Werkzeug in der Hand eines grausamen, willkürlichen Gottes, sondern voll vertrauender Diener gegenüber einem liebenden Gott;
- hat Nachkommen (Jesaja 53, 10), obwohl von einer Familie dieses Knechtes nicht die Rede ist, also nicht von Frau und Kindern; sind seine "Nachkommen" nicht seine Jünger?
- wird in die Länge leben (Jesaja 53, 10), wird Licht sehen (Jesaja 53, 11); wie kann ein Gestorbener (Jesaja 53, 12) in die Länge leben, wenn er nicht auferstanden ist?
- schafft den Vielen Gerechtigkeit (Jesaja 53, 11) und
- hat für die Übeltäter gebetet (Jesaja 53, 12).
"Wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des Herrn offenbar?" (Jesaja 53, 1) Es ist heute zu einer theologischen Mode geworden, die Erlösung der Menschen durch das Opfer dieses Knechtes in Frage zu stellen mit dem Argument, wir könnten nicht an einen solch grausamen Gott glauben. Aber wenn, wie Paulus es sagt, Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte (2. Korinther 5, 19), hat er zumindest geistig und in seinem Herzen mit seinem Sohn in der Verlassenheit am Kreuz nicht weniger gelitten als eine Mutter und ein Vater mit einem Kind, das schwer krank ist und stirbt. Von einem grausamen Gott kann mit Blick auf die Erlösung keinerlei Rede sein, eher von einem liebenden Gott, der zur Erlösung der Menschheit sich selbst das Höchste abverlangt und das ihm Wertvollste und damit sich selbst opfert!
Hans Küng zitiert in seinem Buch Das Judentum (S. 729) die Monographie "The Holocaust" des britischen Historikers Martin Gilbert, der die Geschichte des 16jährigen Jungen Zwi Michalowski schildert: "Am 27. September 1941 sollte der Junge mit über 3000 anderen litauischen Juden umgebracht werden. Er stürzt in die Grube, unmittelbar bevor die Salve die anderen trifft. In der Nacht darauf kriecht er aus dem Massengrab und flieht ins nächste Dorf. Ein Bauer, der ihm öffnete, sieht den Nackten, mit Blut Beschmierten und sagt: 'Jude, geh zurück ins Grab, wo du hingehörst!' - Verzweifelt beschwört Zwi Michalowski schließlich eine ältere Witwe: 'Ich bin dein Herr, Jesus Christus. Ich bin vom Kreuz gestiegen. Sieh mich an- das Blut, der Schmerz, das Leiden, der Unschuldige! Lass mich ein!' Die Witwe, erinnert sich Zwi, warf sich ihm zu Füßen und versteckte ihn drei Tage. Dann machte sich der junge Mann auf in den Wald. Dort überlebte er den Krieg als Partisan."
Es ist keine Theorie des Leidens möglich, auch keine Theorie der Erlösung, aber dass Gott ins Leid hineinsteigt, es in seinen Plan einbaut, es damit seiner Sinnlosigkeit entkleidet, das dürfen wir glauben und wie Jesus zu Lebzeiten gegen Leid ankämpfen. Aber dort, wo wir dabei unterliegen, haben wir Grund, doch an den mitten in Leiden und Sterben anwesenden Gott zu glauben, der denen, die seine Liebe erwidern, alles zum Besten lenkt (Römer 8, 2) und in Fortsetzung von Ostern eine Welt hervorbringen will und wird, in der kein Tod, kein Leid, kein Schmerz mehr sein wird, denn das Erste ist vergangen (Offenbarung 21, 1 - 7).
Amen
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