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Pfr. Abbas Schah-Mohammedi (evangelisch)
über:
kein konkreter bibl. BezugBerlin, am 10.04.2008 Sonstige Ansprache |
Das Wort zum Sonntag
(erschienen in Nordberliner Zeitung)
Liebe Leserin, lieber Leser,
immer reicht uns die Zeit nicht, die wir zur Verfügung haben. Dabei ist die Zeit eine jener Gaben der Schöpfung, die am gerechtesten verteilt ist. Jeder hat 24 Stunden zur Verfügung. Keiner mehr und keiner weniger. Endlich etwas, worin Arme und Reiche gleich sind. Früher als ich zu einer bestimmten Zeit vom Spielplatz nach Hause sollte, da hab ich mir sehnlichst mehr Zeit gewünscht. Wer kennt es nicht, glückliche Stunden vergehen schneller als langweilige. Haben Sie schon auf dem Bahnhof auf einen Zug gewartet, der Verspätung hatte oder auf den Bereitschaftsarzt, als Zuhause einer krank war? Dann wissen Sie, wie langsam die Zeit sein kann. Alle vier Jahre schenkt uns Gott einen zusätzlichen Tag als Ausgleich. Dieses Jahr ist es wieder so weit. 2008 hat 366 Tage, einen Tag mehr als das vergangene Jahr.
Was machen wir nun mit dem zusätzlichen Tag? Uns reichen oft die 24 Stunden nicht, um das zu tun, was zu tun ist. Sorglos schieben wir alles auf die lange Bank, was nicht unbedingt heute erledigt werden muss. Vielleicht können wir ja diesen zusätzlichen Tag dazu nutzen etwas von dem abzubauen, was auf der langen Bank abgelegt wurde. Manchmal tun und erledigen wir in der gleichen Zeit zwei und mehr Dinge, um Zeit zu sparen: Die Mutter strickt und erzählt dabei ihren Kindern Geschichten. Der Chef tut etwas für seine vom Sitzen steif gewordenen Beine, läuft im Zimmer auf und ab und diktiert seiner Sekretärin Briefe. Bei den griechischen Philosophen gab es die Gruppe der Peripatetiker. Sie entwickelten ihre Philosophie so zu sagen im Gehen. In der Tat kann man streiten und dabei arbeiten, lachen und an einem Baum sägen.
Beim Spazieren gehen sprechen und denken wir. Während mein Zahnarzt sich mit meinen Zähnen beschäftigt, erzählt er mir eine lustige Geschichte. Ich muss lachen und er kann nicht anders als rasch seinen Bohrer aus meinem Mund zu nehmen. Der Organist spielt die schönsten Melodien am liebsten mit Händen und Füßen gleichzeitig. Würden wir alles nacheinander statt miteinander tun, brauchten wir nicht nur mehr Zeit; es käme auch etwas anderes dabei heraus. Bevor ich am Sonntag auf die Kanzel gehe, predige ich in meinem Arbeitszimmer Wänden und Bücherregalen. Das gibt mir für den kommenden Sonntag eine gewisse Sicherheit und der Heilige Geist braucht mir auf der Kanzel nicht sagen: Abbas, Du bist aber faul gewesen.
Wenn der Lehrer 30 Schülern gleichzeitig etwas beibringt, oder der Pfarrer in 15 Minuten die ganze Gemeinde wie in einem Rutsch tröstet, haben sie nicht Zeit gewonnen? Wollten sie jeden einzeln unterrichten oder trösten, brauchten sie eine vielfache Zeit dafür. Auch Jesus wusste, wie man Zeit gewinnt. Als einmal Tausende von Menschen seine Nähe suchten, brachten sie ihn ganz schön in Bedrängnis. Wollten sie ihn doch alle sehen und hören. Aber wie sollte es gehen, ohne Radio und Bildschirm? Jesus aber hatte eine geniale Idee. Er bat seinen Freund Petrus ihn ein Stück vom Land auf den See hinauszufahren, von wo aus alle ihn sehen und hören konnten. Er machte das Schiff des Petrus quasi zu seiner Kanzel. Welche Freude, dass auch wir manchmal seine Kanzel sein dürfen. Ein irisches Sprichwort sagt: "Als Gott die Zeit gemacht hat, hat er viel davon gemacht." 70 Jahre und mehr sind eine lange Zeit.
Ich kenne zwei, die sogar 100 und mehr Jahre alt sind. Aber lebenssatt stirbt doch heutzutage kaum einer. Viele geben eine Menge Geld dafür aus um ihr Leben zu verlängern. Aber mit welchem Erfolg? Wenn heute einer sagt: Nun ist es genug; ich möchte sterben, dann sind es die Schmerzen und die Schwachheit, die sprechen. Wir haben das Leiden nicht gelernt.
Was machen wir nun mit dem zusätzlichen, dem Schalttag? Wir haben zuhause uns zur Gewohnheit gemacht, wenn ein Termin ausfällt, diese Zeit als Geschenk zu betrachten und damit etwas sinnvolles zu tun, wofür wir nie Zeit finden. Das war neulich der Fall. Meine Frau wollte schon lange für mich eine Jacke kaufen. Ich fand die Zeit zu schade dafür. Also kam die Jacke auf die lange Bank. Jetzt gab es kein Entrinnen mehr. Wir fuhren zu KDW, wo es bekanntlich alles gibt. Wir wurden auch schnell fündig. Und dann taten wir etwas, worüber sich der Leib riesig gefreut hat. Wir aßen dort schön zu Mittag. Die Jacke wird mich noch lange an den ausgefallenen Termin und die geschenkte Zeit erinnern.
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