Mittwoch, der 8. September 2010
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Pfr. Jörg Schreiner (evangelisch)
über: Lukas 2, 29

Weisenheim am Berg (bei Ludwigshafen am Rhein), am 21.01.2009
Sonstige Ansprache

Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben dein Heil gesehen!

Liebe Gemeinde!

"Älter werden ist ja ganz schön, aber Altsein hat so viele Probleme" stöhnen zu Recht viele Ältere und Alte. Heute wollen wir jedoch besonders über den "Segen des Alters" nachdenken und dazu einen kleinen Gang durch die Bibel machen: Wo ist von älteren und alten Menschen die Rede? Wie erleben sie die Probleme des Alters? Wie geraten sie in Angst, in Zweifel an Gottes Hilfe und dann doch wieder zu neuem Vertrauen und Glauben? Einige Beispiele dazu möchte ich zusammen mit Bildern und biblischen Texten exemplarisch für viele andere aufzeigen:

1) Simeon – der Seher am Tempel

Dieses Bild bewegt mich schon seit über 50 Jahren: REMBRANDT van Rijn hat diese Szene immer wieder in neuen Variationen gemalt. Als er 1669 verarmt und fast erblindet starb, fand man unter anderen Bildern dieses Bild – unvollendet, angeblich sogar noch auf einer Staffelei (Original: Stockholm). Maria und Josef bringen gerade ihr neugeborenes Kind Jesus zum Tempel, um es dort dem Priester zu zeigen, "darzustellen" und den Jungen beschneiden und segnen zu lassen. Wohl am Eingang des Tempels nahm Simeon, geleitet vom Heiligen Geist Gottes, das Kind auf seine Arme. Diese Szene ist besonders faszinierend gemalt im Spiel zwischen dunkel und hell, zwischen Schatten und Licht, typisch für Rembrandt – vielleicht eine Anspielung auf die Zeit des 30-jhr. Krieges, der nun gerade ca. 20 Jahre überwunden war?

Was mag Rembrandt nicht alles an Not und Leid erlitten haben – was mag der uns sonst unbekannte Simeon erlitten haben? Das Licht strahlt hier vor allem auf das Kind und dann auch auf den greisen Simeon und die greise Seherin Hanna. Rembrandt malte in seinem Leben öfters diese Szene mit dem Seher Simeon. Angeblich selbst fast erblindet, fühlte sich Rembrandt ganz besonders in den Seher Simeon hinein und malte ihn auf diesem Bild mit trüben, fast geschlossenen Augen: Simeon sieht das Kind in seinen Armen vor allem mit dem inneren Auge, mit dem Herzen, mit seinem Glauben. In einer inneren Schau erfasst er, wen er da - nun endlich! - in seinen Armen hält: den Retter, den Helfer, den Heiland – der Name "Jesus" bedeutet ja wörtlich "Gott hilft, Gott heilt" – den Messias, den er sein Leben lang ersehnte, erhoffte, erbetete:

Nun ist er da – für den Juden Simeon ist die Weissagung in Erfüllung gegangen. Davon ist er überzeugt. Ob er dies letztlich vom Verstand her be-griffen hat?! Jedenfalls: er ist jetzt selbst der Er-griffene, der Dankbare – er ist am Ziel seines Lebens! Weitere Ziele gibt es nun nicht mehr, er kann nun ruhig und gelassen werden, kann in Frieden sterben, kann sein Leben und Sterben voll Vertrauen in Gottes Hände legen. Er kann loslassen, muss niemandem und nichts mehr hinterher rennen, er hat keine weiteren Wünsche und Sehnsüchte, er kann abgeben, besonders von seiner Hoffnung, von seiner Glaubensgewissheit, von seiner Geborgenheit. Das ist wirklich die Weisheit des Alters, diese Dankbarkeit für alle schweren und guten Lebenserfahrungen, diese Gelassenheit und das Loslassenkönnen. Die Bibel spricht hier auch von "Lebenssattheit":

Alles letztlich Wichtige ist erreicht und darf an Andere weitergereicht werden. Mir fällt auf, wie Rembrandt die Hände Simeons gemalt hat: Sie tragen ja kaum noch das Kind, sondern strecken sich aus – wollen sie sich zum Gebet schließen?! Oder wollen sie sich noch mehr öffnen und das Kind sozusagen weiterreichen an Andere, an die Eltern oder andere hier unsichtbare Menschen? An wen? Auch an uns: "Hier das Wichtigste für Euch, für Dich – der Sohn Gottes, nein - Gott selber in dem Kind! Wenn du das Kind mit deinem inneren Auge anschaust und in ihm Gott selber findest, dann kannst du – wie ich – einmal im Frieden gehen und auch im Glauben sterben!" Eigentlich könnte man fast neidisch werden, wie Simeon "blind" vertrauen und glauben konnte! Ist das nicht oft auch unsere Sehnsucht? Wollen wir überhaupt noch wissen, wozu und wohin wir eigentlich leben? Oder sind wir schon zu ernüchtert, zu enttäuscht, ohne Hoffnungen?! Könnte Simeon ein Vor-Bild für uns sein?

"Vom Segen des Alters" lautet meine Überschrift zu dieser Predigt: Vielleicht haben wir Älteren es besser als Jüngere, haben mehr Zeit zum Nachdenken über unser Leben und unsere Zukunft, über gute und schwere Lebenserfahrungen, über Glauben und Glaubenszweifel, über trostlose und hoffnungsvolle Zeiten. Nehmen wir uns Zeit dazu, immer neu darüber nachzudenken, um Kraft zu beten und vielleicht mit unserem inneren Auge die Liebe Gottes in unseren Händen liegen sehen?! Noch ein letzter Gedanke zu Rembrandts Bild: Das Kind sieht liebevoll auf Simeon – darum geht es, dass auch wir diese Augen Jesu, liebevoll auf uns gerichtet, entdecken! Diese Augen, die dem Simeon damals und so auch uns heute anblicken und sagen: "Warum fürchtest du dich? Sei getrost und unverzagt. Schau nicht auf deinen Glauben oder deine Zweifel! Es bleibt dabei: Nichts kann dich trennen von der Liebe Gottes!"

Und das Licht des Kindes macht dann nicht nur das Gesicht Simeons hell und strahlend, sondern auch uns; und wir können dann davon etwas an Andere weitergeben und sie mit unserem inneren Auge wahrnehmen.

2) Wie ist in der Bibel überhaupt die Rede von älteren Menschen?

Machen wir nun zuerst einen kleinen Gang durch das Alte Testament:
Saul und David

Ein Beispiel über Alte und Junge aus dem Alten Testament: König Saul und sein Nachfolger, der spätere König David. Das 1. Samuel-Buch erzählt: Er litt immer mehr unter den Jubelfeiern des Volkes Israel für den jungen Helden und Goliath-Bezwinger David: Also Neid, Rivalität, Angst um den Thron, Wut, Zorn, Depressionen usw. Er verlor das Vertrauen auf Gott und "fiel von ihm ab", wie es im 1. Samuel heißt. Geht's uns Älteren nicht auch manchmal oder oft so, wie wir reagieren auf Jüngere, Mutigere, Schnellere, Erfolgreichere?! Und wie reagierte David? Mit seiner Harfenmusik versuchte er, Saul zu beruhigen und dessen Depressionen zu lindern – welch Feingefühl und Empathie! Als er von Saul dann verfolgt wurde, verschonte er jedoch dessen Leben und sagte dann zu ihm: "Gott wird Richter sein zwischen dir und mir!" Er kann abwarten und geduldig sein, bis Gott ihn zum König einsetzt. Er war dadurch letztlich sogar weiser und reifer als der alte Saul.

3) Psalm 90

Eins der wohl bekanntesten Worte des Alten Testamentes zum Alter kennen wir aus dem Psalm 90: "Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es 80 Jahre und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon" Die Altersforscherin und Gerontologie-Professorin U. Lehr verglich einmal das Altern mit einer Bergbesteigung so: "Je höher wir hinaufkommen, umso mehr lassen unsere körperlichen Kräfte nach; aber umso schöner und lohnender ist die Aussicht! Stöhnen wir also nicht nur über das mühselige Erklimmen, sondern freuen uns über die weite Sicht und genießen den Tag!" Es geht also nicht nur darum, möglichst alt zu werden und dem Leben noch viele Jahre anzufügen, sondern das Leben mit echtem Leben, mit sinnvollem Inhalt zu füllen.

Wann sind wir eigentlich "alt und lebenssatt", wie es oft im Alten Testament heißt?

Dass hängt jedenfalls nicht ab von der Zahl unserer Lebensjahre. Ob wir viel geleistet haben, ob unser Leben wertvoll und zufrieden stellend ist, das sollen Andere und das soll Gott bewerten! Was meinen wir dem Ausdruck "Gesegnetes Alter"? Jedenfalls kennen wir viele Persönlichkeiten, die nicht sehr alt wurden, deren Leben aber reich gefüllt und erfüllt waren: z.B. Mozart, Chopin oder die Heilige Elisabeth. Im Apokryphen-Buch Jesus Sirach 41, 5ff heißt es: "So ist es vom Herrn verordnet... Ob du 10 oder 100 oder 1000 Jahre lebst, im Tod fragt man nicht, wie lange einer gelebt hat..." Im Buch Weisheit (4, 7 + 8) heißt es: "Der Gerechte aber, kommt sein Ende auch früh, geht in Gottes Ruhe ein. Denn ehrenvolles Alter besteht nicht in einem langen Leben und wird nicht an der Zahl der Jahre gemessen".

Nein, die Bibel betont und fragt uns immer wieder, ob wir uns an Gottes Wort und Gebot gehalten haben, ob wir Nächstenliebe üben und auf Gottes Welt hoffen und warten! Übrigens: Unser Wort "alt" hängt im Mittelhochdeutschen mit dem lateinischen Wort "altus" zusammen, ein Partizip von alere; d.h. "ernähren, wachsen, groß und reif werden". So wäre ein alter Mensch nicht abgebaut und lebensschwach, sondern eher wirklich "gewachsen, erwachsen" und stark und reif geworden im Leben - mit innerer, seelischer Größe und Stärke. Paulus sagt dazu (in 2. Korinther 4, 16): "Wenn auch unserer äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert..." Und in Psalm 92, 15 heißt es: "Wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein!"

4) Vertrauen im Alter

In Psalm 31, 16 steht eines meiner Lieblingsworte: "Meine Zeit steht in deinen Händen" Darauf kommt es an: Nicht wann wir wohl sterben werden und letztlich auch nicht, wie und unter welchen Umständen. Sondern es geht darum, mit welchem Glauben und Vertrauen wir gehen können: "Gott, mein Geschick liegt ganz allein in deinen Händen. Du führst mich an der Hand! Oder noch schöner: Du trägst mich auf deinen Händen – aus dieser Welt in deine Welt!"

Der Liederdichter Jochen Klepper, der mit seiner jüdischen Frau und seiner Tochter 1942 freiwillig in den Tod ging, dichtete: "Der du die Zeit in Händen hast... Und diese Gaben, Herr, lass Wert und Maß der Tage sein, die wir in Schuld verbringen. Nach ihnen sei die Zeit gezählt..."

In Psalm 39, 5 - 8 heißt es: "Herr, lehre mich, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss. Siehe, meine Tage sind eine Hand breit bei dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben... Sie machen sich viel vergebliche Unruhe; sie sammeln und wissen nicht, wer es einbringen wird. Nun, Herr, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich!" Und in Psalm 139 heißt es: "Deine Augen sahen mich schon, als ich noch nicht bereitet war, und alle meine Tage waren in dein Buch geschrieben,... Am Ende bin ich noch immer bei dir!" Und Jesus Christus wird diese Glaubensgewissheit dann später in Johannes 11, 25 so formulieren: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben!"

5) Einsamkeit

Das ist wohl eines der größten Probleme im Alter: die Einsamkeit. Der Ehepartner ist weggestorben oder weggegangen, Kinder und Enkel wohnen weiter entfernt, die körperlichen Kräfte lassen nach, Krankheiten belasten immer mehr. Einsame kommen sich vom Schicksal ungerecht behandelt und eingesperrt vor. Manche oder gar viele meinen, sie müssten sich in möglichst viel Betriebsamkeit stürzen, versäumen keine Veranstaltungen, übertreiben mit Alkohol oder Tabletten. Keiner von uns darf solche Versuche nur verurteilen anstatt Anteil zu nehmen und die Einsamkeitsgefühle mitzutragen. Aber wie? In Psalm 68, 6f ist die Rede von "Gott, dem Vater der Waisen und Witwen, der den Einsamen ein Zuhause gibt" Und in Psalm 73, 21ff steht das wunderbare Gebet:

"Was auch geschehen mag: ich bleibe stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an…Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist du doch, Gott, alle Zeit meines Herzens Trost und mein Teil!" Seit meiner Jugendzeit singe ich gerne die Worte R. A. Schröders: "Abend ward, bald kommt die Nacht... Einer wacht und trägt allein ihre Müh und Plag; der lässt keinen einsam sein, weder Nacht noch Tag". Frage an uns alle: Was könnten wir für Alte und Einsame tun? Wie könnten wir ihnen die Zeiten dieses schrecklichen Gefühls des Alleinseins erleichtern? "Wem bin ich der Nächste" fragte der fromme Jude, als Jesus das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter erzählte; ja: wem?! Jesus sagte ihm ja: "Geh hin, tue das Gleiche!" Also: Hingehen, besuchen, sich Zeit nehmen usw. usw.!

Und nun zum Neuen Testament: Wo ist dort die Rede von älteren Menschen und deren Aufgaben? Am bekanntesten ist wohl:

6) Der Vater im Gleichnis Jesu vom Verlorenen Sohn

Gut, wir wissen nicht genau, ob dieser Vater schon etwas älter war. Aber ich vermute es, weil er zwei erwachsene Söhne hat, die sich Gedanken über die Zukunft und das zu erwartende Erbe beim Tod des Vaters machen. Was wird wohl in dem Vater an Gefühlen durcheinander gelaufen sein, als der jüngere Sohn davon zog? Abschiedsschmerz, Enttäuschung, Trauer, Ärger, Wut usw. Aber vielleicht hat er ja noch lange dem Sohn nachgeschaut, vielleicht hat er für ihn so gebetet: "Junge, mach's gut! Gott segne und behüte dich! Er halte dich gesund und immer auf dem richtigen Weg! Und wenn du vom Weg abkommst, dann helfe er dir wieder zurück! Und denke daran: mein Haus steht dir immer offen, gleich wann du zurückkommst..." So phantasiere ich mal die Gefühle und Gebete des Vaters. Das ist ja eine der Hauptaufgaben von uns Vätern und Müttern, von Großvätern und Großmüttern:

Die Jüngeren begleiten – wenigstens in Gedanken und Gebeten. Sie einhüllen in Fürbitten um Gottes Begleitung auf all ihren Wegen. Oft können wir gar nicht viel mehr für Kinder und Enkel tun; aber Beten um Gottes Schutz ist sehr viel!

Das Gebet bringt unsere Gedanken mit den Plänen Gottes zusammen, bringt uns näher zu Gott, aber genauso auch näher zu unseren Mitmenschen: Es verändert unser Verhältnis zu anderen Menschen, macht uns sensibler für sie, lehrt uns andere besser zu verstehen, zeigt uns, was wir für andere tun könnten. Im Gebet könnten wir Gott fragen: Was könnte ich für diesen Menschen da Gutes tun? Wie könnte ich es anstellen? Eigentlich gehört unser Beten für andere lebenslang zur täglichen Übung und Aufgabe wie das Essen und Atmen. Paulus fordert uns dazu auf (in Römer 12, 12): "...seid beharrlich im Gebet!" Viele Ältere setzen sich in ihrer Fürbitte ein für ihre Mitmenschen. Sie bringen deren Sorgen und Ängste vor Gott; die Fürbitte ist genauso wichtig wie die tatkräftige Hilfe!

Auch in der Hospizhilfe, wo Sterbende durch regelmäßige Besuche begleitet werden, arbeiten viele ältere Menschen mit und schöpfen aus ihrem reichen Schatz an Erfahrungen, auch im Glauben.

7) Als der Apostel Paulus nach Damaskus kam und vom Licht Gottes getroffen und erleuchtet wurde, beauftragte Gott den (vermutlich älteren) Hananias (Apostelgeschichte 9, 10ff): "Geh, suche den Christenverfolger Paulus; er hat sein Leben geändert, geh und segne ihn!" Und Hananias geht los, vielleicht mit Zweifel, Zögern und Widerstand; aber er gibt dann den Segen, den er empfangen hat, an Paulus weiter. Genauso hatte ja auch im Alten Testament Abraham seinen Sohn Isaak gesegnet, bevollmächtigt und beauftragt, genauso jener seinen Sohn Jakob; und dann jener seine 12 Söhne und deren Familien. Glauben und Segen weitergeben, das ist die Aufgabe von uns Älteren, ja auch und gerade in schweren Zeiten der Not – eine ganz große Verantwortung für uns Ältere!

Wer hat denn damals in den kommunistischen Zeiten der Sowjetunion und der DDR den christlichen Glauben weitergegeben, trotz der Verbote und Schikanen?! Oft oder meistens wohl die Großeltern, indem sie von Gott und Jesus erzählten und mit den Kindern und für deren Zukunft beteten. In Psalm 78, 3f heißt es: "Was wir gehört haben und wissen und unsre Väter uns erzählt haben, das wollen wir nicht verschweigen den Kindern; wir verkündigen dem kommenden Geschlecht den Ruhm des Herrn und seine Macht und seine Wunder, die er getan hat" ...

8) Geduld und Sanftmut

Genauso wichtig wie das Beten ist das Vorbild für Jüngere, die Alltagsgestaltung, unsere Worte und Reaktionen, wenn es Probleme und Ärger gibt. Vielleicht können wir Älteren etwas ruhiger und gelassener reagieren. Vielleicht könnten wir immer mehr Geduld und Verständnis gewinnen, je älter wir werden, "Lebensweisheit" nennt dies die Bibel. Jesus sagte dazu in den Seligpreisungen der Bergpredigt (Matthäus 5, 5ff): "Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen". Öfters wird in der Bibel die Geduld erwähnt: Jesus erwähnt sie z.B. im Gleichnis vom Sämann und meint damit diejenigen, "die das Wort Gottes hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld" (Lukas 8, 15).

Die Geduld kann uns im Altwerden tragen und begleiten, wenn wir uns – wie Paulus sagt – "erweisen in großer Geduld, in Trübsal, in Nöten, in Ängsten als die Diener Gottes" (2. Korinther 6, 4). In Galater 5, 22 nennt Paulus die Tugenden "Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treu und Sanftmut"

9) Im Alter etwas für andere tun – aktives Altsein

Viele ältere Menschen haben das Gefühl, ihr Rat und ihre Hilfe seien nicht mehr erwünscht und brauchbar. Was könnten sie doch noch so viel Gutes tun: z.B. die Enkel- oder Nachbarskinder betreuen, deren Hausaufgaben begleiten und überwachen, Besuche bei Nachbarn oder Kranken oder im Altenheim, Telefonanrufe bei Menschen, die ihr Haus nicht mehr verlassen können.

Wer noch körperlich und geistig fit ist, könnte Volkshochschulkurse besuchen, Reisen zur Erholung oder auch Bildung absolvieren usw. Mancher fängt sogar mit 80 Jahren noch an, eine neue Sprache zu erlernen oder seine Studien und Hobbies von früher wieder aufzugreifen. Jede Lebensphase hat ihre ganz speziellen Aufgaben; im Alter können wir unsere guten Erfahrungen reflektieren und neue Freiheiten, Gelassenheit und Geduld gewinnen.

Jeder kann und muss selbst bei sich entdecken lernen, was er noch kann oder tun könnte. Da darf es keine Kritik oder Bewertungen von Außenstehenden geben, was da noch sinnvoll oder bereits sinnlos sei! Viele Ältere könnten sich in der Kirchengemeinde engagieren, haben nach der Pensionierung Zeit für Gesprächsrunden, kleinere Dienste oder auch Ehrenämter. Gerade auch ältere engagieren sich in den Städten vor allem für kostenlose Mittagessen für Bedürftige, den sogenannten "Tafeln" usw. Solche und ähnliche Engagements bewahren uns älter werdende Menschen, zu resignieren und unser Leben für sinnlos zu halten. Nein, gerade indem wir anderen helfen, helfen wir uns selbst.

Kürzlich hörte ich wieder das Wortspiel im Englischen: "Retired, but not tired" zu Deutsch: "Zurückgezogen, in Rente, aber noch nicht zu müde!" Viele sind sogar so fit, dass sie beratend und ehrenamtlich in ihrem früheren Beruf noch tätig sein können, in der Nachbarschaft oder Kirchengemeinde kleinere Reparaturen ausführen können und die sog. "Bezahlung" kommt einem caritativen Zweck zu gut. Zurzeit wird ja in der Politik heftig darüber diskutiert, ob man nicht erst mit 67 Jahren in Pension gehen sollte. Ebenso, ob nicht viele ältere Fachleute doch wieder dringend in der Industrie gebraucht werden, weil es so wenig fachqualifizierten Nachwuchs gibt. Längere Arbeitszeiten? Ich persönlich meine: Ja, wer gesund ist und Lust und Fähigkeit zu so langer Arbeitszeit hat. Aber dazu sollte niemand wegen der Rente gezwungen werden. Unsere Schwestern und Pfleger der Christlichen Sozialstation können eben nicht mit 67 noch bettlägerige Patienten herumheben.

10) Angst und Hoffnung – "Geborgen in Abrahams Schoß"

In früheren Zeiten war - wie auch in biblischer Zeit - das Altwerden auch eine Zeit der Vorbereitung auf den allerletzten Lebensweg: das Abschied nehmen und das Sterben. Vielen von uns bereitet das Angst, Angst vor Schmerzen und Leid; man möchte solche Gedanken weit von sich wegschieben. Ja, das Sterben kann auch gläubigen Christen Angst machen; aber letztlich dürfen wir darauf vertrauen: Wir gehen den Weg nicht allein! In 1. Korinther 15, 42ff schreibt Paulus: "Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib... Wir werden alle verwandelt werden…verschlungen ist der Tod vom Sieg!" Das Ziel umschreibt das letzte Buch des Neuen Testamentes, die Offenbarung (21, 3 - 5) so: "Gott wird abwischen alle Tränen und der Tod wird nicht mehr sein, kein Leid, kein Schmerz!"

An einer Kirche am Jakobsweg in Estella/Nordspanien sah ich diese Gewissheit sehr bildhaft-schön dargestellt: In Abrahams Schoß sind die Gläubigen eingehüllt und geborgen. Wir kennen ja den schönen Ausdruck "wie in Abrahams Schoß" d.h.: Niemand kann sie mehr aus dieser Geborgenheit herausreißen, keine Macht des Todes!

Auch unsere Angst vor dem Sterben und seinen vielleicht schrecklichen Schmerzen kann uns heute fast genommen, jedenfalls gelindert werden: Durch den Fortschritt der Medizin sind Fachärzte in der Lage, auch sehr schlimme Schmerzen mit Medikamenten zu kontrollieren. Die Fachpflege in der Palliativmedizin kann stationär im Krankenhaus oder ambulant zu Hause dem Sterbenden meist die Schmerzen erträglich machen und auch den letzten Lebensweg noch lebenswert und -würdig gestalten helfen, vor allem in christlichen Hospizen. Zur Würde des Sterbenden gehört auch, dass wir ihm die Atmosphäre und den Umgang mit ihm liebevoll und freundlich gestalten, ihm die Hand halten und unsere Nähe vermitteln; auch dass wir bereit sind zu Gesprächen über letzte Dinge, auch über Vertrauen und Glauben und auch bereit sind zu Gebeten und Liedern. Vielleicht hängen wir auch geeignete Bibel-Texte und Bilder über das Sterbebett, die dem Sterbenden Trost vermitteln.

Ganz besonders groß wird die Frage sein: Wie gehen wir um mit den an Demenz Erkrankten? Je älter die Bevölkerung wird durch die gute medizinische und soziale Versorgung, umso größer werden die Zahlen der Demenzerkrankten und altersverwirrten Menschen. Hier kommen noch große Aufgaben auf die pflegenden Angehörigen zu: nötig werden immer mehr Opferbereitschaft an Geduld, Nervenkraft, echte Nächstenliebe und auch Sachverstand! Der verstorbene Filmschauspieler Burt Lancaster sagte einmal: "Wer neugierig auf Neues bleibt, wird nicht alt!" Motto des Alters also: Nicht nur zurückschauen auf das, was vorbei ist oder nicht mehr geht; sondern: nach vorn blicken und immer neu anfangen!

Schluss:

Eines der schönsten Bibelworte zum Vertrauen und Glauben im Alter steht in Jesaja 64, 4. Dort verspricht Gott: "Auch bis in euer Alter bin ich derselbe; Und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich will heben und tragen und erretten!" Ob wir uns tragen lassen – von Gott – bis ins Alter?! Vertrauen wir ihm!

Amen.


Bildquelle für Rembrandt, Simeons Lobgesang:

- Kunstverlag VER SACRUM Nr. 927, 72108 Rottenburg; www.versacrum.de

© Jörg Schreiner 2009
http://www.schreinerweisenheim.de

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