Mittwoch, der 8. September 2010
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Gemeindereferentin Monika Dittmann (katholisch)
über: Römer 11, 33-36

Wiesbaden, am 23.08.2008 (St. Josef Kirche Dotzheim)
Sonstige Ansprache

"Ich glaube nur, was ich sehe"
oder, noch stärker:
"Ich glaube nur, was ich verstehe ..."

Vielen Menschen, gerade in unserem von Naturwissenschaft und Technik geprägten Zeitalter, fällt der Glaube an Gott, an den lebendigen Gott, schwer.

Für sie gilt nur, was bewiesen werden kann.

Und viele erliegen dem Wahn, dem Schöpfer auf der Spur zu sein ... in der Genbiologie und beim Blick hinter den Urknall...

Aber auch wir, die wir uns mehr oder weniger regelmäßig versammeln im Gottesdienst und bekennen "Ich glaube an Gott ..." – stoßen an unsere Grenzen, wenn wir mit unserem Verstand nach IHM fragen und IHN verstehen wollen.

Für viele gilt:
was nicht bewiesen werden kann,
lohnt nicht, bedacht zu werden.
oder:
Was ich nicht erklären kann,
das lasse ich mir zumindest offen;
zwar leugne ich Gott nicht, aber auf eine persönliche Beziehung kann ich mich nicht einlassen;
gar mein Leben auf IHN bauen.

Paulus hat es da zu seiner Zeit nicht leichter.
Er stößt auf Denkrichtungen, die die Vernunft zur Grundlage allen Lebens machen.

Da sind die Stoiker, die der Vernunft die Unvernunft entgegen setzen, und damit das Böse und Unerklärliche in ein System bringen. Mit dem System von Gut und Böse, Licht und Finsternis, Fleisch und Geist wird das menschliche Dasein zu einer Funktion.

Damit erklären sie die Ordnung der Welt.

Paulus stellt sich ihnen entschieden entgegen.

Der Text der heutigen Lesung ist gewissermaßen die direkte Auseinandersetzung mit diesem Denksystem.

Ohne weiter auf die Stoiker einzugehen,
können wir uns aber gut auf das einlassen,
was der Apostel verdeutlichen will.

Der Text der Lesung ist der Abschluss des ersten Teils des Römer.
In diesem ersten Teil hat Paulus seine ganze Theologie entwickelt.
In den Versen davor greift er das auf, was auch wir in unserem Alltag kennen:
Schuld, Versagen, das Böse, das Unergründliche.

Die Begrenztheit des Menschen, die uns allen zu schaffen macht und die nicht aus der Welt zu schaffen ist.

Das Drama von Sünde und Schuld,
von Leid und schließlich Tod –
das ist nicht beherrschbar.

Auch die Spannung von Suchen und Finden, von Verstrickung und Befreiung, von Angst um sich selbst und Angenommensein ... um Versagen und Vergebung löst sich nicht durch Denkmodelle.

Hier gibt Gott eine ganz andere Antwort:
Er wird in Jesus ein Mensch, der selbst erleidet und erduldet,
der am eigenen Leib das Drama des Menschseins erfährt.
Gott erbarmt sich, bleibt nicht auf Distanz.
Er lässt sich herab, kommt in Augenhöhe mit uns Menschen,
fasst Fuß auf dieser Erde und gibt sich ein schmerzverzerrtes Gesicht in Jesus.

Warum?
Letztlich ist es ein Geheimnis.
Es ist nicht zu erklären...

Es gibt nur eine Ahnung,
vielleicht ein Aha-Erlebnis?

"Liebe und Erbarmen."
Es ist ein Geheimnis,
es ist SEIN Geheimnis,
warum er sich auf die Menschen einlässt und sie nicht sich selbst überlässt.

Es ist seine so ganz andere Weise, lebendig zu sein:
Er rechnet nicht ab,
ER vergleicht nicht,
ER wiegt nicht und misst nicht,
ER fordert noch nicht einmal,
ER liebt und lebt und will Liebe und Leben geben.
... und zwar nicht nur für die,
die von Kindheit an katholisch sind,
auch für die "Seiteneinsteiger",
die nicht schon Frommen ...

Paulus nennt es in seiner Theologie "Gnade"

In unserem Lesungstext beschließt er seine Überlegungen mit dem großen Lobpreis.

Er rühmt die Größe und Weisheit des Handelns Gottes, das alles menschliche Verstehen übersteigt.

Nicht zu verstehen -

- und doch ist es in seiner Tiefe von uns, den Glaubenden, zu erahnen,
wenn wir uns darauf einlassen,
in unser Herz hineinzuhören.
Es ist für uns Glaubende zu erfahren,
wenn wir uns ganz riskieren und Gott anvertrauen, uns trauen, unser Leben IHM zu überlassen.
Es ist anfanghaft zu erleben,
wenn wir beginnen, IHN zu rühmen und IHM die Ehre zu geben
... und danach erst nach uns selbst zu fragen.
Wo ER die erste Stelle in unserem Leben einnehmen darf,
deutet sich etwas an von der Großartigkeit und Unvorstellbarkeit göttlichen Lebens in uns.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen:
Wo ich nicht zuerst Angst um mich selbst habe,
wo ich nicht zuerst klage und frage und jammere,
wo ich nicht zuerst in Frage stelle und Erklärungen haben will,
sondern mein Leben hineingeben kann in das Lob Gottes,
da erschließt sich mir die Großartigkeit Gottes oft auf eine wunderbare und tiefe Weise.

Da geht es nicht mehr um eine Aussage, die ich über Gott machen möchte,
nicht um eine Erklärung,
sondern allein darum,
zu erleben,
wie Gottes Heilsabsicht,
seine heilende Kraft,
wirksam werden kann im eigenen Leben.

Im tiefsten Inneren glänzt dann etwas auf,
eine Ahnung von dem, was Paulus sagt:

Aus Ihm, durch Ihn und auf IHN hin sind wir geschaffen –

Und mehr noch:
sind wir innerhalb dieser Schöpfung gedacht und von IHM bedacht.

Aus IHM, durch IHN und auf IHN hin dürfen wir leben und sein göttliches Leben in uns spurenweise ahnen.

Darum ist es zu kurz gegriffen,
wenn wir uns dem anschließen,
was gängige Redewendung ist:

"Ich glaube nur, was ich sehe"
"Ich glaube nur, was ich verstehe ..."

Ich möchte für mich sagen - und wünsche und erbitte auch für uns alle - dass dies immer mehr unser gemeinsamer Glaube und unsere gemeinsame Glaubenserfahrung wird:

Von IHM her komme ich,
aus IHM lebe ich und auf IHN hin bin ich unterwegs,
zugleich bin ich in seiner Gegenwart geborgen, die sich offenbart in der Schöpfung und in allem, was unsichtbar und dennoch lebendig ist und ahnbar wird in winzigen Momenten des Lebens...

© Monika Dittmann 2008
http://www.st-josef-dotzheim.de/

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