Donnerstag, der 9. September 2010
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Pfr. Werner Kugler (evangelisch)
über: Lukas 10, 38-42

Neuler (bei Aalen (Ostalbkreis)), am 20.07.2007
Sonstige Ansprache

Liebe Klasse 9, liebe Entlassschülerinnen und Entlassschüler, liebe Festgäste,
die Entlassfeier beginnt traditionell mit einem Gottesdienst. Vor dem Aktuellen kommt die Erinnerung daran, was für das Leben grundlegend ist. Das geht im Alltag oft unter, heute aber ist es dran, dass wir uns daran erinnern.

In eurer Klasse sind einige, mit denen ich zusammen vor gut einem Jahr Konfirmation gefeiert habe. Auch damals war die Rede von den Grundlagen des Lebens. Damals wurde euch übertragen, dass ihr selbst dafür verantwortlich seid, was ihr als Fundament in euer Leben einzieht. ob ihr solide gefügt auf Fels baut oder mit leichten Platten auf Sand.

Heute ist der nächste Schritt. Die Verantwortung für den künftigen Beruf und damit den eigenen Lebensunterhalt fällt euch zu. Auch dieser Schritt hat’s in sich. Dann wird, sicher sehnsüchtig erwartet, der Führerschein kommen, … und dann das Alter, selbst eine Familie gründen zu können, ... und dann die Stufe, die Meisterprüfung zu machen. Das will schon nicht mehr jeder erreichen. Die Reihe setzt sich fort, irgendwann kommt auch einmal das Alter, das man braucht, um Bundespräsident zu werden.

Wie es aussieht, wird es von einem Schritt zum nächsten anspruchsvoller. Aber werden die Stufen für einen einzelnen wie jeden hier im Saal auch immer wichtiger? Wir haben das im KU einmal überlegt. Damals wurde deutlich, dass nach der Geburt das Wichtigste die Taufe ist. Gott sagt ja zu mir als einzelnem Mensch. Wo immer ich bin, was immer mit mir ist, bin ich ein Kind Gottes. Er ist bei mir und hält mich bei seiner rechten Hand.

Ich will heute aber nicht noch einmal über die Taufe sprechen, sondern an einen anderen Faden wieder anknüpfen. Bei einer anderen Gelegenheit frage ich im Konfirmandenunterricht: Was ist denn wirklich wichtig im Leben? – Die Antworten sind nicht jedes Jahr gleich. Manchmal kommt ganz prompt die Antwort Geld oder sogar viel Geld. Es dauert dann eine Zeit, bis man merkt, dass es da auch noch anderes gibt, wo mit Geld wenig bis nichts zu machen ist.

Manchmal sind die prompten Antworten auch anders: - Gesundheit wurde schon als erstes genannt. Auch Glück. gemeint umfassendes Lebensglück fällt einem schnell ein. Spätestens mit ein bisschen Nachdenken fällt einem noch mehr ein, was ganz wichtig und leider nicht selbstverständlich da ist. Genauso wie fürs Geldverdienen muss man sich dafür einsetzen.

Am Schluss stehen am flip-chart zum Beispiel auch Familie und Freundschaft oder Frieden und Gerechtigkeit. Und es kommen auch Gedanken, dass nicht nur nach außen, zwischen den Menschen die Dinge ins Gleichgewicht kommen sollen. Damit man ein gutes Lebensgefühl hat, muss es auch in einem selbst stimmen. Dazu gehört es, wenn auf dem flip-chart dann Liebe, Hoffnung und Glaube stehen, oft ist es mit anderen Worten umschrieben.

Vieles ist wichtig im Leben, nicht nur das Geld. Eine breite Palette muss man aufmachen, um das alles zusammenzubringen. Irgendwie muss man es zusammenbringen, wenn man seinem Leben eine Richtung geben will, mit der man dann auch zufrieden sein kann. Man braucht wie bei einer Tür einen festen Angelpunkt, von dem aus man die Dinge, das heißt das eigene Leben, bewegen kann.

Wo dieser Angelpunkt zu suchen ist, ist klar vorgegeben. Deshalb ist es auch im high-tech-Zeitalter nach wie vor richtig, von Religion im allgemeinen und von Christsein im besonderen zu sprechen. Bevor ich aber mehr dazu sage, will ich eine kleine Jesusgeschichte aus dem Neuen Testament vorlesen, weil sie genau auf eine wichtige Stelle hinweist; sie tut es nicht mit Begriffen, sondern mit Erzählen, so dass man sich selbst darin entdecken kann. Die Geschichte erzählt von zwei Frauen aus dem Freundeskreis Jesu, zwei Jüngerinnen. Sie wollen beide im Sinne Jesu leben. Aber wie man das macht, darüber gehen die Ansichten offenbar auseinander.

(Predigttext: "Jesus bei Martha und Maria") (Hoffnung für alle)

Liebe Entlassschülerinnen und Entlassschüler, liebe Festgäste,
wenn man der Geschichte folgt, dann scheint die Sache einfach zu sein. Maria hat recht, Martha unrecht. Was die Sache jedoch schwieriger macht, ist, dass man sich selbst nicht so einfach auf eine Seite stellen kann. Kaum jemand kann von sich sagen, dass er ganz eindeutig auf der Seite der Maria oder auf der Seite der Martha steht. Normalerweise hat man von beiden etwas in sich. Es ist wohl eine Geschichte mit Frauen in den Hauptrollen, aber es ist auch eine Geschichte für Männer. Auch Männer kennen an sich beide Seiten, die Seite der Maria und der Martha.

Martha, das ist die mit dem Sinn fürs Praktische. Sie sieht die anstehenden Probleme und macht sich dran, sie zu lösen. Sie kümmert sich um das Naheliegende und um das Machbare. Sie sieht die Möglichkeiten, die sich bieten, und packt an. Aus diesem Blickwinkel sieht man auch die materiellen Dinge. Es muss für die Bewirtung der Gäste gesorgt werden. Das Essen muss auf den Tisch. Vielleicht war es auch Martha, die den ankommenden Gästen die Füße gewaschen hat. Das ist ganz auf der Linie von Jesus, der in diesem Dienst aneinander das Urbild christlichen Miteinanders sieht. (Johannes)

Maria ist anders. Sie ist die Nachdenkliche. Für das Leben zählt nicht nur, was man macht, in Bewegung setzt, nicht nur Erfolge. Es zählt mindestens genauso stark, was im Menschen ist. Mehr noch, das zählt absolut viel mehr. Maria fragt danach, wie es der Seele geht. Was tut der Seele gut? Was tut einem in der Seele gut? Das sind oft nicht die Taten, sondern das richtige Wort zur rechten Zeit. Maria ist interessiert an dem, was den Menschen von innen her aufbaut. Das Erbauliche.

Vielleicht ist auch Maria einseitig. Genauso wenig wie der Mensch nur Leib ist, der in der Welt wohnen will, essen und schlafen, sorgen und arbeiten und genießen. Genauso wenig ist er nur Seele, die hofft und liebt und glaubt, oder die trauert und wütet und klagt. Beides ist wichtig, Leib und Seele, das Materielle und das Ideelle. Es gehört zusammen.

Was wäre das, wenn man beides auseinander reißen würde? Ein Beispiel?

Hier bei der Schulentlassfeier wartet nachher auf die Gäste ein wunderbares Buffet. Schon beim ersten Anblick macht es richtig Appetit. Man freut sich darauf, da zugreifen zu dürfen. Leib und Seele auseinandergerissen, was wäre das für ein Essen, wenn es nur darum ginge den Magen zu füllen?

Oder bei den Beziehungen unter Menschen. Was uns miteinander verbindet, was uns aufeinander aufmerksam sein lässt und in der vielfältigsten Weise miteinander umgehen lässt, ist im Positiven die Liebe. Was wäre das für eine Liebe, wenn nur der Körper liebt und alle anderen Seiten der Person unbeteiligt wären?

Ich habe noch so eine Frage. Und da ist dann offensichtlich, wo die Maria mit ihrer Einstellung recht hat. Was ist das für ein Leben, wenn man genug hat, mit Fleiß, Ausdauer und Anstrengung erarbeitet wie Martha, aber gleichzeitig an der Seele Mangel leidet? So wichtig Marthas Sorgen ist, so wichtig ist auch Marias Wahl, nicht nur den Leib zu nähren, sondern auch ganz bewusst die Seele zu ernähren. Martha muss sich von Jesus sagen lassen: Es ist gut und richtig, dass du sorgst und dir Mühe machst. Doch das andere darfst du nicht übergehen. Maria schaut daran nicht vorbei. Und gerade darin liegt ihr Plus. Ihr wird das Leben gelingen, es mag von außen gesehen aussehen wie es will.

Maria sitzt vor Jesus und hört Jesus. Sie kennt den Wert der Worte Jesu. Jesu Worte ernähren die Seele. Sie geben Kraft, sie geben Hoffnung, sie geben Mut. Da kann man sich daran machen, ein eigenes Leben aufzubauen. Es geht nicht darum, ob es ein bescheidenes Häuschen oder eine reiche Villa ist oder eine Mietwohnung, sondern, ob es in sich und nach Gottes Maßstäben gut ist.

Jesus hören. Das ist vielleicht einen neuen Versuch wert, den ersten eigenen, selbst gewollten und gewagten Kontakt mit dem kirchlichen Leben aufzunehmen. In den letzten Jahren wird immer mehr spürbar, dass sich der Wind langsam dreht. Die Menschen im Land fragen mehr und mehr nach Leben aus der Religion und aus dem Glauben, nachdem sich die Hoffnung auf Naturwissenschaft und Technik und die Machbarkeit durch die Politik als überzogen erwiesen haben. Man ist dabei, Hoffnung wieder mehr aus dem Glauben zu schöpfen. In der kirchlichen Arbeit ist das spürbar zum Beispiel an dem Anklang, den die Zweitgottesdienste am Samstagabend oder alle vier bis acht Wochen finden.

Vielleicht möchtest du dich auch erst einmal mit der eigenen Initiative zufrieden geben. Es gibt jede Menge Lesestoff, mit der man sich einlesen und einen eigenen Weg finden kann. Ob so oder so, die Seele braucht Nahrung. Wir erleben viel, wenn das Jahr lang ist. In der Schule, im Betrieb, in der Familie, im Urlaub. In der Seele sammeln sich Eindrücke. Manche drücken überhaupt nicht, es beflügelt einen. Anderes hängt sich hin und macht das Herz eng. Beides müssen wir irgendwie einordnen. Es braucht einen Platz in einem, so dass man damit umgehen kann. Da muss man sich schon fragen, in welche Kiste man die vielen und intensiven Eindrücke eines Jahres packt. Ist wirklich allein die eigene Großartigkeit, der man allen Erfolg verdankt, oder sind es wirklich immer die bösen anderen, wenn es nicht so läuft, wie man es gerne hätte?

Maria sitzt da und hört auf Jesus. Es ist nicht nur, dass er der Seele Kraft gibt. Was er im einzelnen alles gesagt hat, können wir heute kaum noch herausfinden. Das Neue Testament gibt uns einen großen weiten Rahmen dessen, was Jesus gelehrt hat. Es ist wie eine Zusammenfassung. Wie das im einzelnen dann konkret wird, ist zunächst einmal offen. Aber einiges ist deutlich erkennbar.

Jesus leitet zu einem Leben mit allen Sinnen und mit allen Fähigkeiten an. Da sind auch die dabei, die den spontanen Ideen nicht einfach nachgeben, sondern lenkend eingreifen. Weitsicht zum Beispiel. Das heißt, es gehört dazu, dass man sich danach fragt, was sich auf längere Sicht aus dem eigenen Tun ergibt. Oder Weisheit. Ob der eigene Wille mit dem zusammenpasst, was sowieso in der Welt da ist.

Ich mache mal ein bisschen in Griechisch. Ein wichtiges Wort für Jesus ist σωφροσυνη. Im Wörterbuch steht bei σωφροσυνη alles, was die unmittelbaren Impulse lenkt, aber den Wert des Lebens erhöht: Verstand, Klugheit, Besonnenheit, Selbstbeherrschung, auch Enthaltsamkeit (man muss nicht alles machen, was man machen kann, manches lässt man besser; man kann das auf das persönliche Leben beziehen, gilt aber auch im Großen. Wir hätten manche Probleme nicht, würden wir uns an den richtigen Stellen beschränken; siehe z.B. Umweltprobleme im Großen oder Alkoholmissbrauch für den einzelnen), dann steht da noch unter σωφροσυνη Anstand, Bescheidenheit und Gehorsam (in Neuen Testament-Zusammenhang Gehorsam gegen Jesus Christus).

Es ist eindeutig. Jesus empfiehlt nicht ein Leben nach dem Lustprinzip, sondern ein Leben mit allem im Menschen, was zu einem guten Leben helfen kann. Was Spaß macht, ist eingebunden in das Ganze des Menschen. Die Orientierung geht über den Menschen hinaus auf Gott hin.

Auch ein Sinn für Gerechtigkeit ist eigentlich jedem von uns gegeben. Ehrlicherweise muss man ihn gelegentlich auch gegen sich selbst gelten lassen. Martha und Maria, beide, gehören zum Freundeskreis um Jesus; sie sind Jüngerinnen. Sie lernen von ihm und haben ein tiefes persönliches Verhältnis zu ihm. Bei allem, was sie tun wollen, überlegen sie, wie das mit dem zusammenpasst, was sie von Jesus lernen. Für ihre Entscheidungen ist es wichtig, dass sie den eigenen Willen seinem Willen adäquat machen, dass ihr Wille dem Willen Christi entspricht. Nachfolge heißt, dass sie ihrem Willen eine Gestalt geben, die in den weit gesteckten Rahmen Jesu passt. Nachfolge heißt, den eigenen Willen zu bilden, um damit der hohen Verantwortung für sich selbst gerecht zu werden.

Schluss jetzt.

Amen.

© Werner Kugler 2007

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