Mittwoch, der 8. September 2010
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Pfr. Andreas Alders (evangelisch-lutherisch)
über: Jeremia 15, 10-21

Neumark / Sachsen (bei Zwickau), am 20.02.2008
Sonstige Ansprache

Liebe Gemeinde,
mit dem heutigen Text wird uns ein verzweifelter Jeremia vorgestellt, der am Ende ist und der nichts mehr anderes kann, als seine Verzweiflung herauszuschreien und vor Gott zu bringen. Warum ist er so verzweifelt?

Er, der Prophet, hat einen Auftrag von Gott bekommen. Er soll dem Volk die Leviten lesen. Er soll dem Volk sagen: Wenn ihr so weitermacht, werdet ihr untergehen. Das Gericht Gottes wird euch mit aller Macht treffen. Ihr lauft fremden Göttern nach und erinnert euch nicht mehr an das, was ich, der Herr, für euch getan habe! Ich bin zornig und ihr werdet das zu spüren bekommen! Jeremia soll also Unheilsprophet sein.

Von Anfang an hatte Jeremia Probleme mit seiner Berufung zum Propheten. Er hat sich dagegen gewehrt. Sende nicht mich, Herr, ich bin zu jung… Klar, wer von uns würde schon gern so einen Auftrag annehmen, der Unheil prophezeien soll. Unheilspropheten haben einen schlechten Stand in der Gesellschaft – keiner will sie hören, wenn es gut geht, werden sie nur ausgelacht, aber es kommt auch vor, dass man sie kurzerhand zumindest mundtot macht. Ein Beispiel aus der jüngsten Geschichte mag das verdeutlichen: Der Klimawandel ist heute in aller Munde. Staaten, Firmen und auch Privatpersonen überschlagen sich mit Vorschlägen, was man nicht alles tun könnte, um die drohende Katastrophe abzuwenden. Auch wenn viele dieser Vorschläge halbherzig sind und darauf bedacht, den eigenen Vorteil nicht aus den Augen zu verlieren – die Diskussion ist hoffähig geworden.

Das war vorher lange Jahre nicht so. Der drohende Klimakollaps ist bekannt, seit mindestens 30 Jahren – aber die Menschen wollten die Unheilspropheten nicht hören! Sie lachten sie aus, beschimpften sie als Öko-Fuzzis und Greenpeace hatte bei seinen Aktionen auch schon Tote zu beklagen. Wer will schon gern Unheilsprophet sein.

Und genau diesen Auftrag erhält Jeremia. Widerwillig übernimmt er ihn zunächst, aber natürlich auch mit der Gewissheit, dass man sich gegen Gottes Beauftragungen ja sowieso nicht wehren kann. Man kann sich ihnen schlicht nicht entziehen, diese Erfahrung haben viele machen müssen – Paradebeispiel dafür ist sicher der Prophet Jona.

Aber Jeremia macht eine Entwicklung durch. So sehr er sich auch anfangs sträubte, er wurde immer mehr gefangen genommen von dem, was er im Auftrag Gottes zu sagen hatte! Er begriff mehr und mehr, dass das Volk jemand braucht, dringend braucht, der ihm den Spiegel vorhält, sie wachrüttelt und ihnen sagt, dass es so nicht weitergehen kann! Jeremia verinnerlicht die Botschaft: Ja, es ist wichtig, dass wir umkehren! Jeremia ist ja selbst Teil des Volkes und erkennt den falschen Weg. Er liebt sein Volk und möchte seine Wohlfahrt, möchte, dass es ihm gut geht. Deswegen ist Gottes Wort für ihn so wichtig. Aus dem sich sträubenden Jeremia wird zunächst ein dankbarer Jeremia. Vers 16: Dein Wort ward meine Speise, sooft ich's empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost.

Auch den Öko-Unheilspropheten des 20. Jahrhunderts erging es so: Bei allem anfänglichen Sträuben – wenn sie einmal verinnerlicht hatten, dass es dringend notwendig ist, dass jemand den Finger auf die Wunden dieser Erde legt, dann können sie nicht mehr anders, als predigen! Als laut und deutlich zu benennen, was falsch läuft. Weil auch sie diese Welt lieben, Teil dieser Welt sind und wollen, dass sie für unsere Kinder lebenswert bleibt. Und auch wenn die Öko-Bewegung oft so unreligiös daherkommt – viele beziehen ihre Motivation und ihre Einsichten durchaus aus Gottes Wort, indem sie betonen, dass es sich bei unserem Lebensraum um Gottes gute, erhaltenswerte Schöpfung handelt, die nur für einen bestimmten Zeitraum unserer Fürsorge anvertraut ist.

Die Botschaft verselbständigt sich. Sie ergreift Besitz von dem Botschafter. Er wird zu seiner Botschaft. Er stellt sie nicht mehr in Frage. Die Botschaft muss gesagt werden und sie muss durch mich gesagt werden. Und ich habe Freude daran, denn ich habe diesen Weg als den richtigen erkannt. So erging es Jeremia genauso wie den neuzeitlichen Propheten.

Wie einfach wäre es, würde alle Welt genauso gut verstehen, was ich für mich als richtig erkannt habe! Manchmal denken wir uns das, wenn für uns etwas sonnenklar ist – und wir uns einfach nicht vorstellen können, dass dies nicht in den Schädel des anderen hinein will! Jeremia trifft offenbar auf ein bockiges Volk. Sie wollen seine Prophezeiungen nicht hören – ach der schon wieder! – lasst uns lieber feiernd untergehen wie ein paar Jahrtausende später die Menschen auf der Titanic. Und so stört er, stört ihre Feiern und ihren selbst gemachten trügerischen Frieden, stört ihre Selbstgerechtigkeit und Selbstherrlichkeit. Und das lässt sich keiner lange bieten. Die Menschen haben sich eingerichtet, Jeremias Themen sind nicht ihre Themen, so wenig wie die ökologischen Themen lange Zeit die Themen der breiten Masse waren.

Sie wollen ihre Ruhe haben – vielleicht hört er ja damit auf, immer den Teufel an die Wand zu malen, wenn wir ihn ins Lächerliche ziehen – ein wenig Spott hier, ein wenig Verleumdung da – aber sie hören nicht auf, die Unheilspropheten. Sie machen weiter, denn, wie wir gehört haben, sie sind ja die Botschaft selbst, sie können ja nicht anders. Also müssen diejenigen, denen das auf den Geist geht, schon schwerere Geschütze auffahren. Jeremia beschreibt diese Geschütze so: Jedermann hadert und streitet im ganzen Land gegen mich! Ich bin so wenig geachtet, ich bin wie ein Aussätziger im Volk! Manchmal wünschte ich mir, dass ich nie geboren wäre! Sie verfolgen mich, sie sind mir feindlich gesinnt, sie erheben falsche Anklage gegen mich, sie stecken mich ins Gefängnis und sie trachten mir nach dem Leben!

Das ist die Situation des Jeremia und er fragt sich völlig zu recht: Kann denn das sein? Es ist doch etwas Gutes, das ich den Menschen zu sagen habe! Ich tue das doch für sie und nicht gegen sie! Und außerdem kommt das, was ich sage, doch von Gott und nicht aus mir selbst. Es hat doch eine ganz andere Autorität! Wenn mir Gottes Wort klar ist und aufgeht, warum dann den anderen nicht? Sehen sie denn nicht, wohin ihr falscher Weg führt? Sind nicht die Vorzeichen des Unheils schon geradezu greifbar?

Und Jeremia stößt damit auf eine Grundbefindlichkeit menschlichen Lebens. Nein, die Menschen wollen die Vorzeichen nicht sehen, nicht, solange sie nicht selbst existentiell betroffen sind. Solange man die in den Pantoffeln steckenden Füße hochlegen kann, während man die Berichte über Tausende Tote bei Überschwemmungen in Bangladesh im Fernsehen zur Kenntnis nimmt, solange sind die Unheilspropheten lediglich unliebsame Störenfriede.

Und wenn sie zu laut werden, müssen sie um ihr Leben fürchten. So wie Jeremia. Das ist die Situation, an der er verzweifelt, an der er leidet. Warum muss ich das aushalten, Gott? Warum strafst Du mich mit der Ignoranz der Menschen? Warum lässt du zu, dass ich verfolgt werde, dass ich mich verstecken muss, weil mir nach dem Leben getrachtet wird? Und ihm kommen seltsame Gedanken. Seltsame, aber völlig logische und verständliche. Was ist nun, wenn ich sterbe und nicht gesehen habe, dass ich recht hatte? Das darf nicht sein! Und er bittet Gott: Lass mich nicht hinweggerafft werden, während du deinen Zorn über sie noch zurückhältst (Vers 15). Und auch diese Stelle erinnert an Jeremias Propheten-Kollegen Jona, der auch sauer darüber war, dass Gottes Gericht ausblieb.

Jeremia begegnet uns gerade an dieser Stelle ausgesprochen menschlich. Vielleicht hätten wir von ihm, von einem Propheten, von einem Vorbild im Glauben erwartet, dass er über den Dingen steht, dass er seine Verfolgungen trägt, dass er letztlich die Dinge, so wie sie geschehen, klaglos und widerspruchslos aus Gottes Hand nimmt. Aber so ist er nicht. Nicht mal er, der Prophet, das Vorbild im Glauben. Er will Gerechtigkeit, so wie er sie versteht. Und das kann nur heißen: Gott, du hast mir dein Wort ins Herz gegeben. Du hast mir gezeigt, was richtig ist. Ich hab' es verstanden und mich an deinem Wort gefreut. Ich weiß, dass es die Zukunft ist, nicht nur für mich sondern für das ganze Volk. Du hast mich gesandt, es ihnen zu sagen. Aber sie wollen nicht hören und verfolgen mich dafür. Jetzt zeig du ihnen bitte, wo der Hammer hängt! Zeig ihnen, wo es hinführt, wenn sie nicht hören wollen. Sie betteln ja geradezu um dein Gericht! Jetzt komm und mach sie fertig und lass mich dabei zusehen!

Im Januar war ich an einem Sonntag in Hamburg. Aus dem Radio erfuhr ich, dass der Hamburger Senat diesen Tag als autofreien Sonntag deklariert hatte. Noch war diese Aktion freiwillig. Man will noch drei weitere Sonntage über das Jahr 2008 so gestalten und dann sehen, wie dies bei der Bevölkerung angenommen wird, um daraus später dann verbindliche autofreie Sonntage einzuführen. Die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel war an diesem Tag kostenlos. Im Radio hörte man dann schon einige erste Reaktionen von Hamburger Bürgern. Überwiegend war von Zustimmung zu hören, manche drückten ihre Freude über die kostenlosen Busse und S-Bahnen aus. Und dann gab es einen Mann, der fiel total aus der Rolle. Das interessiere ihn alles nicht, er würde nie auf sein Auto verzichten, auch nicht, wenn es verbindlich wäre, das gehöre zu seiner Freiheit, er würde dann dagegen klagen und überhaupt möchte er in Ruhe gelassen werden mit diesem ganzen Schwachsinn.

Ich ertappte mich beim Hören dieses Interviews bei dem Gedanken, die nächste Überschwemmung möge seinen Keller treffen – und ich fühlte mich in diesem Moment dem Propheten Jeremia sehr nahe!

Ja, es ist wahrscheinlich sehr menschlich, von Gott eine ach so gerecht erscheinende Strafe für die Uneinsichtigen dieser Welt zu fordern und zu erwarten. In einem alten Film, an dessen Titel ich mich nicht mehr erinnere, wird diese Erwartung schmunzelnd mit dem Satz ausgedrückt: Herr, wo bleibt der Blitz!

Eine solche Haltung kann man natürlich mit Bosheit oder zumindest mit Selbstgerechtigkeit verwechseln, wenn sie aus einem Gefühl der hämischen Rechthaberei erwächst: seht ihr, so geht’s dem Bösen – aber mir passiert so etwas nicht! Ich denke aber, dass dieser Vorwurf gegenüber Jeremia nicht erhoben werden kann. Denn Jeremia steht nicht außerhalb, als unbeteiligter Beobachter, sondern er ist selbst Teil des Volkes. Wenn er sagt, Herr, lass dein Gericht nicht ausbleiben, dann sagt er das nicht als unbeteiligter Beobachter, sondern als einer, den es ganz genauso mit betrifft, wie alle anderen auch. Er selbst wird im Gericht seinen Verfolgern gleich. Und das gibt seiner Botschaft noch einmal eine ganz besondere Ernsthaftigkeit.

Er will nicht irgendetwas Abstraktes für irgendjemand, der außerhalb von ihm existiert, sondern er will ein gutes Leben für das Volk, also auch für sich selbst, unter der Wirklichkeit des lebendigen Gottes. Und da seine Botschaft letztlich von Gott kommt, kann man diesen Satz auch noch einmal umschreiben: Gott will nicht irgendetwas Abstraktes, etwas, das seiner Allmacht entspringt und was die Menschen allein deswegen zu akzeptieren hätten, sondern er ist mit seiner Botschaft und in seinem Propheten selbst Teil des Volkes. Darum kann seine Botschaft, auch wenn sie Unheil ankündigt, niemals lieblos oder boshaft oder selbstgerecht sein. Gott will gutes Leben für sein Volk und damit letztlich auch für sich, den Schöpfer und Schöpfung gehören zusammen im Sinne der Offenbarung des Johannes: Er selbst wird ihr Gott sein und sie werden sein Volk sein.

So leidet Gott mit Jeremia an der Starrsinnigkeit des Volkes, dessen Verhalten dieses gute Leben manchmal unmöglich macht. Zwar ist es auch "gutes Leben", das das Volk sich vorgaukelt und weswegen es durch Jeremia nicht gestört werden will, aber es ist Leben, das auf Gott verzichtet und darum nicht eigentlich "gutes Leben" genannt werden kann.

Auch die auf der ökologischen Ebene mahnenden Stimmen stehen nicht außerhalb, sind keine unbeteiligten Beobachter. Sie sind Teil dieser einen Erde und in diesem Sinne Betroffene. Auch sie wollen letztlich gutes Leben, Leben, das diesen Namen verdient, für andere wie für sich selbst. Und die Einsicht wächst, dass dieses gute Leben sich nicht über ein ständiges Wachstum, über ein immer mehr definiert, sondern über eine Einfachheit, über eine Rückbesinnung auf die Dinge, die ein Leben wirklich reich machen können – und dazu gehört die Wahrnehmung Gottes als Schöpfer, als einer, der liebt, was er geschaffen hat und selbst gutes Leben will.

Alle diese Einsichten heben aber nicht auf, dass wir in unserem eigenen prophetischen Auftrag wie Jeremia an den Umständen, in die hinein wir zu predigen haben, leiden können, manchmal auch so stark, dass wir schier daran verzweifeln mögen. Denn obwohl wir Gott in uns tragen, in unserer Botschaft, aber auch in unserer Geschöpflichkeit, bleiben wir doch auch Gottes Gegenüber, bleiben wir doch auch Menschen.

Jeremias Leid und seine Verzweiflung an seiner Aufgabe zeigt uns in dem Leid und der Verzweiflung an den Aufgaben unseres Lebens stellvertretend, wie sehr wir den Trost Gottes und sein Zur-Seite-Stehen brauchen. Unser Abschnitt endet deshalb in den Versen 19 - 21 mit einer grandiosen Zusage Gottes. Wir ahnen schon: diese Zusage lautet nicht: Warte noch ein Vierteljahr, dann kommt das Strafgericht und alle seine Folgen und du kannst es dir anschauen. Nein, sie lautet: wenn du dich zu mir hältst, so will ich mich zu dir halten. So einfach. Vergiss nicht, wem du dich und dein Dasein verdankst. Das ist ja gerade der Fehler, den die anderen machen, was dir auffällt, wogegen du angehst und was du ihnen einfach sagen musst. Dass sie dich nicht hören wollen, darf dich nicht dazu verführen, selbst in ihre Denkweise zu verfallen: Sie sollen sich zu dir kehren, doch du kehre dich nicht zu ihnen!

Dann will ich dich auch nicht vergessen. Dann mache ich dich stark, dass du wie eine feste Mauer bist, an der die Feinde vergeblich anrennen. Sie können dir nichts anhaben, es tropft an dir ab.

Ich weiß nicht, ob Jeremia diese Worte getröstet haben. Aber ich weiß, dass er weitergemacht hat. Dass er Gottes Prediger blieb. Dass er sich ein Leben lang an den Auftrag Gottes hielt: du sollst recht reden und nicht leichtfertig, dann wirst du mein Mund sein.

Jeremia hätte auch resignieren können. Aber durch sein Leben hat er uns ermutigt, zu den Dingen, die in unserem Leben, in unserem Umfeld und in unserer Welt schief laufen, nicht zu schweigen. Das verdanken wir Jeremia. Wenn wir von unserem Glauben her etwas als falsch erkennen, dann haben wir zu reden. Dann haben wir das in aller Ehrlichkeit zu benennen. Wir sollen es recht tun und nicht leichtfertig, aber wir sollen es auf keinen Fall verschweigen. Auch dann nicht, wenn wir anzuecken drohen. Und auch nicht, wenn wir über unsere Erkenntnis einmal so zu verzweifeln drohen, wie es Jeremia geschah. Dann gilt auch uns die Zusage: Denn ich bin bei dir, dass ich dir helfe und dich errette, spricht der Herr.

© Andreas Alders 2008

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