Mittwoch, der 8. September 2010
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P. i. R. Dr. Albrecht Weber (evangelisch)
über: Jeremia 22, 13-16

Delmenhorst, am 30.04.2007 (Fabrikmuseum)
Sonstige Ansprache

Ökumenischer Gottesdienst am Vorabend des "Tages der Arbeit"

Liebe Mitchristen!

"Arbeit - Gut zum Leben!" Das ist das Motto dieses Gottesdienstes am Vorabend des 1. Mai, des Tages der Arbeit.

Während in einer neuen repräsentativen Umfrage in Deutschland 75% der befragten Beschäftigten die Aussage bejahen "Ich liebe meine Arbeit" und nur sieben Prozent diese Frage verneinen (Focus Online vom 29.04.2007), leiden die Arbeitslosen unter ihrer unbefriedigenden Situation. Oft sind sie verunsichert, schämen sich, sind wütend und resigniert zugleich und ziehen sich häufig aus der Gesellschaft mehr und mehr zurück.

Ja, den können wir beglückwünschen, der eine Arbeitsstelle hat, durch die er spürt: Es ist nicht gleichgültig, ob ich auf der Erde bin oder nicht. Ich kann etwas für meine Familie im Kleinen oder für die Gesellschaft im Großen beitragen. Ich kann durch meinen verlässlichen Einsatz zu Hause dazu beitragen, dass sich Ehepartner, Kinder und Verwandte in einer Familie wirklich zu Hause fühlen. Ich kann durch meinen Einsatz im Beruf mir selbst und anderen Menschen nachweisen, dass ich einen Beitrag leiste zur Entwicklung der Gesellschaft.

Es war kein Geringerer als Martin Luther, der darüber hinaus auf etwas hinwies, was heute kaum noch im Bewusstsein der Gesellschaft gegenwärtig ist: Da, wo ein Mensch arbeitet, ist er dazu aufgerufen, Gott in seinem Beruf zu dienen. Es macht dabei keinen Unterschied, ob einer in scheinbar einfachen, aber häufig doch anstrengenden Berufen wie etwa als Müll-Entsorger, arbeitet oder nach langer Ausbildung als Facharbeiter oder Ingenieur.

In dem Wort Beruf steckt das Wort rufen, berufen. Gott hat einen Menschen dazu berufen, an der Stelle, an der er sich arbeitend einbringt, nicht nur seinen Mitmenschen, sondern ihm selbst zu dienen. Diese Haltung adelt alle Arbeit, die einfache ebenso wie die komplizierte. Aber von dieser Haltung werden wir noch nicht satt. Irgendjemand muss die entsprechende Arbeit durch einen Lohn honorieren, damit der entsprechende Mensch oder die von ihm versorgte Familie die Ausgaben des Lebens bestreiten können. Der Lohn muss angemessen und gerecht sein. Dies ist heute eine zentrale und faire Forderung des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Es geht nicht an, im Erwerbsleben Tätige wie etwa Verkäuferinnen, Landarbeiter, Hotelangestellte oder Friseusen mit einem dürftigen Lohn nach Hause zu schicken und den dadurch entstandenen Mehrwert in die Firmen- oder Privatkasse des Unternehmers zu stecken. Es geht nicht an, diesen Berufs- und Personengruppen durch schlechte Bezahlung zu signalisieren: Eure Arbeit ist nicht wirklich viel wert! Es geht auch nicht an, solchen Arbeitern und Angestellten zuzumuten, zusätzliche materielle Hilfen von Ehepartnern und sonstigen Verwandten annehmen zu müssen, um finanziell auch nur einigermaßen über die Runden zu kommen. Manche dieser Lohnempfänger haben aufgrund von familiären Umständen gar nicht solche Verwandte! Darum: Die Forderung des DGB nach einem festgelegten Mindestlohn ist mehr als berechtigt. Sie ist gerecht und menschlich!

Freilich sind auch die Bedenken gegen den sinnvollen Mindestlohn zu gewichten. Die Bedenken lauten: Dort, wo Mindestlöhne gesetzlich festgelegt werden, werden Arbeitsplätze in manchen Branchen vernichtet. Da, wo eine Branche nicht genug Gewinn erzielt, werden sich die Verantwortlichen durch Entlassungen sanieren. Das müsste geprüft werden. Sollte es wirklich so sein, dass die Landwirte, die Hotel- und Gaststättenbetreiber oder die Inhaber eines Friseursalons nicht in der Lage sind, höhere Gehälter zu bezahlen, müssten die Verbraucher landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die Gäste in den Gaststätten oder Hotels und die Kunden des Friseursalons dafür gewonnen werden, mehr für die entsprechenden Produkte oder Dienstleistungen zu bezahlen. Hierfür wäre eine breite Öffentlichkeitskampagne der Gewerkschaften, der Medien und Kirche sinnvoll und notwendig.

Wenn wir durch zu geringe Preise oder Bezahlungen einen Arbeitgeber nötigen, einen zu geringen Lohn zu zahlen, laufen wir Gefahr, uns den göttlichen Zorn zuzuziehen, wie ihn sich der jüdische König Jojakim zuzog, als er sich von Bürgern seines Landes seine Gemächer aufwändig herstellen ließ, die entsprechenden Arbeiter am Ende aber nicht entlohnte. Der König Jojakim unterwarf sich im Jahr 604 vor Christus dem babylonischen König Nebukadnezar, fiel dann von ihm ab, wurde verbannt und starb in der Verbannung. Das geschah durch Gottes erklärten Willen nicht mit irgendeinem Despoten, sondern mit dem von Gott gesalbten König seines erwählten Volkes. Was war der Grund für den Zorn Gottes?

Dies ist die Botschaft Gottes an König Jojakim durch den Propheten Jeremia:

(Predigttext)

Nicht jeder Sohn gleicht seinem Vater. War der König Josia einer der wenigen Könige Israels nach Gottes Maßstäben, war sein Sohn Jojakim ein König, der kläglich an den Maßstäben Gottes scheiterte.

Wer gleicht heute dem König Jojakim, dem das Schicksal derer, die für ihn gearbeitet haben, keinen Pfifferling wert ist?

Es sind die unsichtbaren, nirgendwo wirklich greifbaren Urheber einer unmenschlichen Idee, die mehr und mehr Nachfolger findet. Diese unmenschliche Idee lautet: Gewinn ist alles, der Mensch, der Pech hat, kein oder wenig Geld zu haben, ist nichts. Darum müssen Firmen, die satte Gewinne machen, weltweit fusionieren und Bedingungen hergestellt werden, die es ermöglichen, mit dem Ziel größter Gewinnvermehrung Arbeiter und Angestellte zu Tausenden entlassen. Dass diese Entlassenen bei zunehmender Technisierung und Abnahme der Zahl von Erwerbsarbeitsstellen in ihrer Mehrzahl vor einem persönlichen und familiären Scherbenhaufen stehen, wird von diesen modernen Jojakims mit einem Achselzucken in Kauf genommen. Derjenige ist der preiswürdigste aller Manager, der einen Betrieb durch massenweise Entlassungen am meisten "verschlankt".

Mit dem Wort "Schlankheit" verbinden wir normalerweise etwas, was für den Körper gut und bekömmlich ist. Die Schlankheit, die aber hier angestrebt ist, ist die Magersucht, die zu körperlicher Lähmung führt und, wenn keine Hilfe eintritt, sogar den Tod nach sich ziehen kann. Entsprechende Manager wird Gott nicht endlos gewähren lassen. Er setzt ihnen eine Frist, danach haben sie verspielt!

Was ist die Botschaft dieses prophetischen Wortes Gottes für den 1. Mai 2007?

Die Botschaft lautet: Gott lässt sich nicht beeindrucken durch zur Schau getragenen Reichtum, der auf Kosten der Armen zustande gekommen ist.

Gott hat eine besondere Vorliebe für die Armen, nicht nur für die Abermillionen Menschen in den Entwicklungsländern, die mit weniger als 1 Dollar pro Tag den Kampf ums Überleben führen müssen, sondern auch für die Armen in unserer Gesellschaft, die zwar nicht verhungern und verdursten müssen, aber ausgeschlossen sind von einer wirklichen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Jesus hatte eine besondere Vorliebe für die Armen, lehnte jede Form von Habgier ab und verneinte die naive Meinung, man könne durch Geld sein Leben absichern.

Gerechtigkeit erhöht ein Volk, Armut muss bekämpft werden, Reichtum verpflichtet: Das waren die Grundgedanken einer Kundgebung der Synode der EKD vom vorigen Jahr. Die Synode veröffentlichte mit dem Titel "Gerechte Teilhabe" eine Denkschrift zur Armut in Deutschland (Gütersloh 2006, 88 Seiten).

Darin weist die Synode darauf hin, dass alle Menschen als Gottes Ebenbilder gleich sind. Die Würde und der Wert des Lebens seien Gottes Geschenk. Armut könne diese Würde nicht beeinträchtigen und Reichtum füge ihr nichts hinzu. Allerdings gebe es Lebenssituationen in Armut, die der Würde des Menschen Hohn sprechen und auch ein falsches Vertrauen auf Reichtum.

Deutschland sei reich und arm zugleich. Das reichste Zehntel verfüge nahezu über die Hälfte des gesamten Privatvermögens.

Die Verteilung von Gütern von den Reichen zu den Armen allein setze keine nachhaltige Wohlstandentwicklung in Gang. Aber Besitzer hoher Einkommen und Vermögen müssten stärker als in den letzten Jahren Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen. Dazu müssen sie nach Meinung der Synode vom Staat in die Pflicht genommen werden.

Alle Menschen werden nach Meinung der EKD gebraucht. Darum sei ein öffentlich geförderter Arbeitsmarkt notwendig!

Die Armen sollten in den kirchlichen Gemeinden ebenso wie in anderen Gruppierung der Gesellschaft integriert werden. Von Großbritannien könne man lernen, Treffpunkte einzurichten, bei denen es den abseits der etablierten Gesellschaft stehenden Kleinsten ermöglicht wird, Offenheit für Bildung früh einzuüben (Modell des Early Excellence Centre). Hier gehe es nicht nur um frühe Bildung für die Kleinsten, etwa durch Sprachförderung oder musikalische, künstlerische, mathematische und naturwissenschaftliche Lernangebote, sondern vor allem um Einbeziehung der Eltern gerade an sozialen Brennpunkten. Die EKD schlägt für ärmere Kinder eine bundesweite Freizeitkarte vor, die öffentlich finanziert wird.

Die EKD ist im übrigen der Meinung, dass ein Abstand zwischen dem durch Erwerbsarbeit mindestens erreichbaren Einkommen und dem durch staatliche Transferleistungen erreichbaren Einkommen bestehen sollte, um Menschen in ausreichendem Maß zu einer verlässlichen Übernahme gering entlohnter und oft wenig attraktiver Arbeiten zu motivieren.

Ich schließe mit zwei hochaktuellen Worten der israelitischen Spruchweisheit:

"Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott." (Sprüche 14, 31)

"Wer unrechtem Gewinn nachgeht, zerstört sein Haus; wer aber Bestechung hasst, der wird leben." (Sprüche 15, 27)

© Albrecht Weber 2007

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