Mittwoch, der 8. September 2010
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Pfr. Mark Meinhard
über: Lukas 1, 46-55

Hiltpoltstein (bei Nόrnberg), am 05.12.2006
Sonstige Ansprache

Als nach der Erzählung des Lukas Maria Elisabeth besucht, erkennt Elisabeth bereits, dass diese mit dem Heiland schwanger ist. Sie preist deshalb Maria selig: "Selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es soll vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn."

Ja, daran glauben wir Christen: dass einst von Gott selbst vollendet werden wird, was er begonnen hat. Es ist nämlich mit der Schöpfung eine Ebenbildlichkeit geschaffen, die in uns zu finden ist und die uns nie ganz verlassen hat. Trotz aller Verdunklung durch die Sünde können wir doch noch das Ziel an uns und in uns erkennen: woher wir kommen und wohin wir gehen. Der große Kirchenlehrer Augustinus hat einst davon gesprochen, indem er sagte, jeder Mensch besäße eine Unruhe in sich, die auf Gott verweist. Sie verweist auf den großen Vollender seines Planes.

Marias Lobgesang antwortet Elisabeth mit der Ausführung dieser Vollendung. Wie wird es sein, wenn das Reich Gottes, das Jesus so anschaulich den Menschen vor Augen gehalten hat, endlich umfassende Wirklichkeit wird? In der Zusammenfassung könnte man sagen: er stellt die Welt wieder vom Kopf auf die Füße. Das, was hier verkehrt läuft, wird berichtigt, begradigt – auf den rechten Weg zurück gebracht. Wo hier der Mächtige Gewalt ausübt über den Niedrigen, wird der Niedrige erhöht werden: ihm wird Gerechtigkeit widerfahren. Wer hier hungert und Durst leidet, der wird dort reichlich versorgt werden. Die Reichen – das sind in diesem Falle diejenigen, die nicht bereit waren, von ihrem Reichtum abzugeben – die werden damit konfrontiert werden, dass ihr Herz so verhärtet war. Er zerstreut die, die hoffärtig sind in ihrem Herzen.

Die Hochmütigen also, die nur sich selbst als Maßstab aller Dinge genommen haben und nicht bereit waren nach links und rechts zu blicken. Gott wird auch an seinen ersten Bund denken mit dem Volk Israel und alles, was diesem Volke widerfahren ist an Hohn und Spott und Tod und Leid wird aufgehoben sein in seiner neuen Herrlichkeit. (Allein schon deswegen – und das sei nur am Rande hier gesagt – dürften sich die Christen niemals über die jüdische Religion erheben wollen.)

Maria schließt mit dem Hinweis, dass Gott treu ist in dem, was er den Menschen zugesagt hat. Er hat so zu unseren Vätern (und Müttern) geredet: zu Abraham und seinen Kindern. Wir selbst, liebe Gemeinde, stehen ebenfalls in dieser Reihe der Zeugen und bauen auf ihnen auf. Gottes Wort ist treu und zuverlässig. Wir dürfen hoffnungsvoll darauf vertrauen, dass es einst diese Vollendung geben wird und auch uns selbst Gottes Gerechtigkeit widerfahren wird.

Die Adventszeit tut gut daran, daran zu erinnern, dass noch nicht alles in der Welt, in der wir leben, heil ist. Dass die Vollendung an die wir glauben, eben noch nicht eingetroffen ist. Es ist die Aufgabe der Christen geworden, darauf hinzuweisen – vielleicht sogar gerade in dem Weihnachtsrummel und der uns überall entgegen geworfenen Harmonie, die mit diesem "Fest der Liebe" verbunden wird. Die Welt ist aber noch nicht heil, noch nicht vollendet. Wir warten noch auf diesen neuen Himmel und diese neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Aber wir haben gesehen, wie diese neue Welt, das Reich Gottes seinen Anfang nahm in Jesus Christus. Lahme gehen und Blinde sehen, Tote werden auferweckt und verhärtet Herzen werden geöffnet. Wir sind nicht Christus selbst – wir können seine Zeichen, die auf jenes vollendete Reich Gottes hinweisen, nicht wiederholen. Zumindest haben wir nicht die Vollmacht, die er selbst hatte. Aber wir sind Christen – nach seinem Namen benannt. Träger des Lichtes Christi sollen wir in der Welt sein und so selber Zeugen werden für den Beginn dieses Reiches Gottes. Denn manchmal kann ein Wort oder eine Begleitung helfen, dass Menschen, die lahm geworden sind in ihrem Leben, träge und sich selbst überdrüssig – dass diese Menschen wieder gehen lernen, ihr eigenes Leben anpacken und den Kopf wieder heben, um nach vorne zu sehen.

Manchmal darf ein Wort oder eine Begleitung helfen, dass Menschen, die nicht mehr auf den Nächsten blicken konnten vor Hass und Neid oder durch eine Verletzung – dass diese Menschen wieder sehen lernen, auch den anderen in Blick nehmen, auch seine Sichtweise verstehen lernen, sich in ihn hineinversetzen und neu beginnen in die Welt zu blicken. Manchmal schafft es ein Wort oder eine Begleitung, dass Abgestorbenes wieder zum Leben erweckt wird. Dass Menschen, die alle Hoffnung und damit allen Glauben, alles Vertrauen verloren haben, wieder erreicht werden von der Botschaft der Liebe und Neues entsteht, wo vorher nur Brachland war.

All das können Christen bewirken, wenn sie das Licht der Hoffnung Marias in die Welt tragen.

Manchmal ist es schwer auszuhalten, diese Nachfolge Jesu, weil man verzagen und verzweifeln möchte. Erst kürzlich habe ich zum wiederholten Male erfahren müssen, dass einem Kind Gott vorgehalten wird als ein strafender Buchhaltergott. "Pass auf: Gott sieht alles – er wird dich strafen auch für das, was deine Eltern nicht sehen." Welch Verdrehung der Botschaft Jesu Christi – und das oft genug aus unseren eigenen Reihen. Es fällt schwer zu ertragen, weil diese Kinder Opfer sind. Aber man kann auch diese Dunkelheit nicht mit Dunkelheit bekämpfen und über die Kinder versuchen, die Eltern unter Druck zu setzen. Nein: Dunkelheit kann nie mit Dunkelheit bekämpft werden, sondern nur mit Licht. Mit dem Licht, das wir symbolisch in der Wartezeit im Advent anzünden. Mit dem Licht, mit dem wir symbolisch den Baum des Lebens zu Weihnachten erleuchten.

Es ist das Licht der Liebe Gottes und der Hoffnung auf seine erneuerte Schöpfung. Um im letzten Beispiel zu bleiben: dieses Kind braucht die wahren Zeugen des Lichtes Christi: Beispiele von Liebe statt von Strafe, Beispiele von Hoffnung statt von Drohung, Beispiele von Licht statt von Dunkelheit. Und das von uns – von lebenden und liebenden Menschen. "Meine Seele erhebt den Herrn" – singt Maria - "und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. Denn seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht."

Amen.

© Mark Meinhard 2006
http://www.dekanat-graefenberg.de/hiltpoltstein/index.htm

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