Samstag, der 4. September 2010
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P. Martin Vibrans (evangelisch)
über: 1. Mose 11, 1-9

Möckern bei Burg (bei Magdeburg), am 10.05.1998 (Trypehna)
Kantate

Familiengottesdienst anläßlich der Einweihung des Kirchturms in Trypehna

Liebe Gemeinde!

Liebe Kinder, liebe Erwachsene!

Ich habe in den letzten Tagen immer wieder überlegt: Wie geht das, wie kriege ich den Turmbau zu Babel, die Geschichte, die ihr uns eben gespielt und gesungen habt, zusammen, mit der Einweihung des Kirchturms heute hier in Trypehna. Eine biblische Geschichte, die ja ein so schlimmes Ende hat und die Einweihung eines frisch sanierten Turmes ein Drama, das im Chaos endet und ein fröhliches Einweihungsfest. Einen Bau der Menschen entzweit hat und einen Bau, der Menschen verbinden soll. Der Kirchturm will ja vor allem eines: Er will Menschen zusammenrufen. Zusammenführen. Durch das Glockengeläut lädt er ein zum Gottesdienst, zum Gebet. Er macht weithin sichtbar: Hier sind Christen, Menschen, die der gemeinsame Glaube an Gott ihren Herren verbindet.

Wir sind jetzt nach mehreren Wochen fertig mit den Bauarbeiten am Kirchturm. Sie und Ihr alle habt mitverfolgt, wie es voran ging, wie aus der lädierten alten Turmhaube unser schmucker neuer Kirchturm geworden ist, bis er schließlich wieder seinen alten Platz ganz oben eingenommen hat. Und wir dürfen uns an dem schönen Anblick erfreuen. In Babel aber - da war das Chaos mitten in den Bauarbeiten ausgebrochen. Keiner verstand mehr den anderen und so konnte, was begonnen wurde nicht weitergebaut werden. Die Menschen wollten sich eine Stadt bauen, in der für Gott kein Platz mehr war.

Babel scheint für uns weit weg zu sein, in einer Welt aus 1001 Nacht. Hier auf dem Dorf in Trypehna, da ist die Welt noch in Ordnung. Da überragt der Kirchturm noch alle Gebäude. Aber schon, wenn wir in die größeren Städte in unserer Nähe kommen wird das anders. Da wirkt manche Kirche zwischen den Hochhäusern der Innenstadt wie eingezwängt. Ob das vielleicht auch ein Zeichen dafür ist, daß Gott aus unserem Gesichtsfeld immer mehr verschwindet?

Aber noch einmal zurück zu den Menschen damals in Babel. Sie hatten die Sintflut überlebt. Gott hat sie zusammengeführt und mit ihnen einen Bund geschlossen. Viele verschiedene Menschen waren vereint, wie die Farben des Regenbogens. Und sie hatten auf ihrem Weg diese schöne Tiefebene gefunden. Dort wollten sie nun seßhaft werden, sich ein zu Hause schaffen. Da es keine Steine gab, wie anderswo, erfanden sie das Brennen von Ton und waren so die Erfinder des Ziegelsteins. Damals waren es Ziegelsteine, heute bauen wir Wolkenkratzer aus Beton und Glas. Mit dem Bau der Stadt wollten die Menschen seßhaft werden, ein Zuhause haben. "Dieser Bau wird uns zusammenhalten", so sagten die Menschen damals. Diesen Gedanken kennen wir auch. Auch wir brauchen heute ein Zuhause, Geborgenheit, einen Platz, wo man sich zurückziehen kann. Eigentlich sind es ganz positive Ansätze, die die Menschen damals hatten. Und Raum, Sicherheit, Geborgenheit - das soll ja auch unsere Kirche für uns sein.

Doch es kommt alles anders. Statt Frieden Chaos, statt Sicherheit totale Orientierungslosigkeit. Das Projekt scheitert daran, daß sich die Menschen am Ende nicht mehr verstehen. Und schließlich werden sie in alle Winde verstreut. Warum dieses Ende nach dem so verheißungsvollen Beginn?

Wir bauen uns eine Stadt und einen Turm. Soweit, so gut. Aber der Satz geht noch weiter... der bis an den Himmel reicht - das ist ein Ausdruck für die Grenzenlosigkeit. Es geht den Menschen plötzlich nicht mehr nur um Schutz und Zuhause, es geht um das Überschreiten von Grenzen. Der Mensch möchte sehen, wie weit er kommt. Er möchte ausprobieren, ob es nicht noch höher, noch weiter, noch mächtiger geht.

Der Mensch macht sich selbst zum Maß aller Dinge. Und wo er das tut, wie hier in Babel, das muß er scheitern mit allen seinen Bemühungen. Die Turmbaugeschichte steht am Ende der Urgeschichte in der Bibel. Begonnen hatte alles mit der Schöpfung Gottes. Gott hatte dem Menschen viel anvertraut, aber er hatte ihm auch Grenzen gesetzt. Schon Adam und Eva haben diese Grenzen überschritten, als sie von dem verbotenen Baum aßen. Als sie diese Grenze überschritten hatten, mußten sie das Paradies verlassen und hatten die Unsterblichkeit verloren. Beim Turmbau zu Babel wollte der Mensch keine Grenze mehr anerkennen, er wollte Gott entthronen und selbst in den Himmel hineinkommen. Und damit ist er gescheitert.

Für uns hier und heute in Trypehna kann diese Geschichte deutlich machen, den nie aus diesem Hause, dieser Kirche zu verdrängen, der uns hier eine Heimat bietet. Der Turm ist kein Zeichen von Macht und Größe, sondern er möchte sagen: Hier habt ihr Christen euer Zuhause, hier könnt ihr euch versammeln und eurem Gott singen. Manchmal hat man ja den Eindruck, daß damals, als unsere Kirchen gebaut wurden auch einer den anderen übertrumpfen mußte, da waren Menschen gar nicht so weit weg von denen in Babel. Auch unser trypehnsche Kirchturm war ja mal beträchtlich kleiner. Lassen wir uns also diese Geschichte des Turmbaus nicht vergessen. Um Gottes Ehre haben Menschen diesen Turm gebaut und wir ihn in diesen Tagen wieder ganz gemacht, nicht um eigenen Ruhmes willen.

Das Ende der Geschichte in Babel ist ja ein trauriges. Ist damit alles aus? Nein - unser Singspiel hat das ja ganz zum Schluß angedeutet. Diese Geschichte geht weiter, wenn auch viele hundert Jahre später. Gott läßt sich nicht von den Menschen entthronen.

Er kommt selbst von seinem Thron aus dem Himmel zu uns auf die Erde. Mit Jesus zeigt er ihnen den Weg, der zu Verstehen und Gemeinschaft führt. Und zu Pfingsten, davon erzählt euer letztes Lied, da gießt Gott seinen Geist über uns Menschen aus. Und plötzlich geschieht dort genau das Gegenteil. Menschen sprechen wieder eine Sprache, verstehen einander.

In der Pfingstgeschichte des Neuen Testamentes liegt also Hoffnung für uns Menschen. Wer von diesem Geist berührt ist, der will nicht mehr der Größte, der Schnellste, der Beste sein; der will nicht in aller Welt berühmt werden, wie die Menschen damals beim Turmbau. Der will vielmehr seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Wo das geschieht, da können Menschen mit anderen zusammenleben, sich verstehen, auch wenn sie nicht die gleiche Sprache sprechen.

Amen

© Martin Vibrans 1998

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